Der Zickzack.

Ein Meeting. Geschäftsführung, IT, Fachabteilung. Alle im selben Raum. Alle mit demselben Ziel. Und trotzdem redet nach zwanzig Minuten keiner mehr über dasselbe.

Die IT redet von Infrastruktur. Die Fachabteilung redet von Prozessen. Die Geschäftsführung redet von Kosten. Drei Sprachen. Kein Übersetzer. Jeder der schon mal in so einem Raum gesessen hat, kennt den Moment, in dem alle nicken — und trotzdem aneinander vorbeireden.

Was in solchen Momenten fehlt, ist kein Experte. Es ist ein Babel Fish — das Ding aus Per Anhalter durch die Galaxis, das jede Sprache gleichzeitig versteht. Jemand, der dem Fachbereich erklärt, warum die IT so reagiert. Der der IT zeigt, was der Fachbereich eigentlich braucht. Und der Geschäftsführung beides in einer Zahl zusammenfasst.

Ich bin so ein Babel Fish. Und mein Lebenslauf erklärt, warum.

Zick und Zack

Kinderpfleger. Agenturinhaber. Samsung. Promotion. Operations. BI. KI.

Mein Lebenslauf liest sich wie ein Unfall. Jahrelang hab ich das auch geglaubt. Jedes Bewerbungsgespräch dieselbe Frage: „Und warum haben Sie dann gewechselt?“ Als ob Wechsel erklärt werden müssen. Als ob der gerade Weg der normale wäre.

Anfang der Neunziger: Kinderpfleger. Heilerziehungspfleger. Kinder die anders ticken. Strukturen schaffen für Menschen, die keine mitbringen. Ich hab gelernt, zuzuhören bevor ich rede. Ich hab gelernt, dass die lautesten selten die sind, die Hilfe brauchen. Und ich hab gelernt, Geduld zu haben mit Menschen, die nicht sagen können was sie wollen — weil sie es selbst noch nicht wissen.

Das klingt nach Pädagogik. Es war die beste Vorbereitung auf jedes Meeting, in dem ich je gesessen habe.

Ende der Neunziger: Eigene Agentur. Geschäftsführer mit Mitte zwanzig. Sales Promotion, Kunden, Druck, Pitch-Kultur. Eine andere Sprache. Eine andere Geschwindigkeit. Ich hab gelernt, dass eine gute Idee wertlos ist, wenn du sie nicht verkaufen kannst.

2003: Selbstständig. Verlage, Verbandssport, Mobile Marketing. Drei Branchen in zwei Jahren. Jedes Mal eine neue Welt, jedes Mal null Vorwissen, jedes Mal trotzdem funktioniert.

2005: Samsung. Konzern. Anzug. Ein Jahr hat gereicht. Große Organisationen sind nicht langsam — sie sprechen nur eine Sprache, die niemand übersetzt. Ich konnte die Sprache nicht. Also bin ich gegangen.

2006 bis 2012: Agenturen. Senior Consultant. Sechs Jahre lang Unternehmen von außen beraten — und sechs Jahre lang dieselbe Erkenntnis: Die Technik ist nie das Problem. Die Kommunikation ist das Problem.

2012: Head of Promotion. Wieder Strategie, Personal, Budget — nach ein paar Jahren, in denen ich bewusst mit weniger Verantwortung gearbeitet hatte. Nicht mit weniger Drive. Aber mit mehr Ruhe. Das hatte ich gebraucht. Und dann war es wieder Zeit.

2015: Operations bei VERTIKOM. Und plötzlich — Daten. Strategie. Für die ganze Gruppe. Der Moment, in dem sich etwas verschoben hat. Nicht geplant. Aber richtig.

2019: b-imtec. Business Intelligence. Mittelstand. Und zum ersten Mal ein Job, in dem das Vermitteln zwischen den Welten nicht Nebenprodukt war, sondern der eigentliche Auftrag.

2026: KI. Zwanzig Projekte in vierzig Tagen. Nicht weil jemand es verlangt hat. Weil ich verstehen wollte, was passiert.

Der rote Faden

Ich wollte nie Generalist sein. Ich dachte, ich bin einer der sich nicht entscheiden kann. Einer der alle paar Jahre wieder bei null anfängt.

Aber mit fünfzig merkst du: Da war die ganze Zeit ein knallroter Faden — ich hab es nur nicht gesehen oder sehen wollen. Wer weiß.

Jede Station hat dasselbe getan. Übersetzt. Zwischen Menschen die unterschiedliche Sprachen sprechen. Zwischen Technik und Alltag. Zwischen Strategie und Umsetzung. Zwischen dem was ein System kann und dem was ein Mensch braucht.

Der Kinderpfleger hat übersetzt zwischen Bedürfnis und System.
Der Agenturmensch hat übersetzt zwischen Marke und Markt.
Der BI-Berater übersetzt zwischen Daten und Entscheidung.
Der KI-Praktiker übersetzt zwischen Maschine und Mensch.

Selbe Fähigkeit. Andere Welt. Andere Wirkung.

Der Muskel

Wir behandeln den geraden Lebenslauf als Goldstandard. Zwanzig Jahre dasselbe gemacht — das ist eine Leistung. Keine Frage.

Aber es ist nicht die einzige. Und es ist nicht die, die ich vorweisen kann.

Was ich vorweisen kann: Ich war oft genug der Neue. Oft genug derjenige, der die Sprache noch nicht konnte und sie trotzdem lernen musste. Und irgendwann war genau das die Fähigkeit — in einen Raum gehen, in dem drei Welten aufeinanderprallen, und dafür sorgen, dass am Ende alle dasselbe meinen.

Wer sich immer wieder neu erfunden hat, hat immer wieder bewiesen: Ich kann landen. Ich kann lernen. Ich kann die Brücke bauen zwischen dem was da ist und dem was kommt.

Das ist kein Makel. Das ist ein Muskel.

Kein Rat

Ich gebe hier keinen Karriere-Tipp. Ich erzähle keine Erfolgsgeschichte. Ich hab Geld verloren, falsche Entscheidungen getroffen, Jahre in gefühlten Sackgassen verbracht.

Aber der Zickzack war kein Fehler. Vieles zeigt sich eben erst später. Das ist das Leben.

Neugier ist kein Hobby. Neugier ist mein Betriebssystem.

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