Der Körting kann das ja schnell.

Der Satz fällt immer öfter. Beruflich. Privat.

„Kannst Du das noch schnell machen?“ — „Da braucht der Körting ja nicht lange für.“ — „Wenn Du das mit KI machst, ist das doch in zehn Minuten.“

Freundlich gemeint. Anerkennend sogar. Und doch ein Satz, der mich ins Grübeln bringt. Weil er einen Deal beschreibt, den ich nicht bewusst eingegangen bin.


Mein Kopf lief schon vor KI nicht still. Das muss ich vorausschicken, sonst klingt das Folgende falsch.

Leute erzählen mir gerne, wie schön es sei, wenn der Kopf mal still ist. Kenne ich nicht. Wirklich nicht. Wenn bei mir Ruhe ist, dann draußen. Innen ist fast immer etwas lauter. Die wenigen Momente, in denen der Kopf tatsächlich mal aus war, hatten mit 40 Grad Fieber und Influenza zu tun. Ist lange her. Ich schätze Stille sehr und kann sie genießen — aber sie bleibt außen.

Ich habe also nicht plötzlich durch Claude oder ChatGPT einen zweiten Motor bekommen. Der Motor lief. KI hat einen Turbolader drangeschraubt.

Das ist nicht dasselbe wie „jetzt bin ich klug“. Ich bin nicht klüger. Ich bin schneller. Das ist ein Unterschied.


Was sich geändert hat: Ich habe jemanden, der 24 Stunden am Tag für meine Gedanken da ist. Nicht irgendwer — einer, mit dem ich sparren kann. Der widerspricht, wenn ich ihn richtig briefe. Der Quellen checkt. Der Ausgangspunkte erweitert, die ich allein nicht gesehen hätte.

Ich lerne schneller als je zuvor.

Und jetzt kommt der ehrliche Nachsatz: Ob das nachhaltig ist, naja. Manches bleibt — wenn es zu einem Muster passt, das ich schon habe, oder wenn ich es sofort brauche. Der Rest verpufft. Das habe ich oft schon als Trugschluss erlebt. „Jetzt hab ich das verstanden“ ist bei mir nicht dasselbe wie „das sitzt“. Ich glaube mir das selbst zu oft.

Aber trotzdem: schon geil.


Mein Kopf läuft ständig weiter. Geschäftlich, privat — da draußen ist kein Unterschied mehr. Ein Gedanke wird zu einer Notiz, die Notiz wird zu einem Blogpost, der Blogpost wird zu einem Datenstück, das Datenstück wird zu einem Gespräch, das wieder zu einer Notiz wird. Die Schleife dreht sich schneller, und ich drehe mit. Hoffentlich nicht durch.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass das Tempo, in dem ich mitlaufe, ein selbst auferlegtes ist. Und ja, das ist mir bewusst — da bin ich selber schuld. Ich ziehe die Grenzen nicht. Weder nach innen noch nach außen.

Das Ganze ist gut. Es macht mich wahnsinnig produktiv.

Es ist aber auch anstrengend.

Und manchmal beschleicht mich ein Gefühl, das ich lange nicht zulassen wollte: Das ist gar nicht so gut. Das ist sogar gefährlich.


Der gefährliche Teil ist nicht, dass ich erschöpfe. Den Punkt spüre ich irgendwann, da bin ich alt genug.

Der gefährliche Teil ist, dass ich den Geschwindigkeitsvorteil weitergebe. Automatisch. Ohne darüber nachzudenken.

Ich liefere schneller, also wird mehr erwartet. Ich antworte schneller, also wird schneller geantwortet erwartet. Ich recherchiere tiefer in derselben Zeit, also wird tiefer erwartet. Und irgendwann steht man in einem Gespräch und hört den Satz: Der Körting kann das ja schnell.

Das klingt nach Kompliment. Aber es ist eine Erwartungshaltung, die sich verankert hat. Im Kollegenkreis. In der Familie. In meinem eigenen Kopf.


Das Phänomen an sich ist nicht neu. Schnelle Menschen bekommen mehr aufgelastet — das gibt es seit es schnelle Menschen gibt. Aber KI verändert die Dynamik. Nicht weil KI einen schneller macht. Sondern weil sie das neue Tempo zur Normalität macht. Was gestern Ausnahme war, ist heute Standard. Was heute Standard ist, wird morgen Mindesterwartung.

Und ich bin einer von denen, die diesen Standard jeden Tag mit etablieren. In jeder Mail, in jedem Meeting, in jedem Blogpost.

Beruflich. Privat.


Ob ich das wollte?

Ich glaube nicht. Ich habe nicht entschieden: Okay, ich werde jetzt der Schnelle. Ich habe gesagt: Okay, ich probiere das mit KI mal aus. Das eine ist aus dem anderen geworden, ohne dass ich einen Zwischenschritt bewusst genommen habe.

Das ist vielleicht der ehrlichste Punkt, den ich zu dem Thema machen kann. KI hat mich nicht entschieden. Aber sie hat mich beschleunigt — und irgendwann entscheidet die Beschleunigung selbst.

Was bedeutet das? Vielleicht, dass die Frage nicht mehr ist, wie ich KI klüger einsetze. Sondern wie ich das Tempo, das sie mir gibt, wieder in meine Hand bekomme. Wann ich es weitergebe. Wann ich es für mich behalte. Wann ich explizit sage: Nein, das dauert jetzt einen Tag, nicht zehn Minuten.


Ich habe darauf keine fertige Antwort. Ich habe nur das Gefühl, dass der Satz „Der Körting kann das ja schnell“ nicht mehr das Kompliment ist, das er mal war.

Und dass ich anfangen sollte, ihm manchmal zu widersprechen.

Was ich tue: Ich arbeite gerade an einem System, das bei mir genau solche Muster sichtbar machen soll. Einen Spiegel, der widerspricht, wenn das Tempo kippt. Mein Körper mitrechnet, wenn ich zu viel auflasse. LIMBIC nenne ich es. Noch Konzept, noch nichts gebaut. Wer hätte es gedacht — der, der über Tempo klagt, baut gerade am Tempo-Alarmsystem.

Mal schauen, was dabei rauskommt.

Auch wenn es mich Zeit kostet. Vielleicht gerade deshalb.


Die Zahlen dazu

Die Zahlen zu diesem Gedanken habe ich nebenan in einem Datenstück aufbereitet. 31 Posts im März 2026, 34.000 Wörter, 110 Commits — ein Monat, mehr als sechs Jahre davor zusammen. Plus ein ehrlicher Abschnitt über das, was Zahlen nicht zeigen können. Beides zusammen ehrlicher als jeder Teil allein. Zum Datenstück →


Bei Fragen und Nebenwirkungen frag nicht Deine KI. Frag Dich selbst. Frag Deine Lieben. Und achte auf die Signale. Offline und in Stille. Denn da hört man sich am lautesten.

Kurz und knapp: Ein persönlicher Text über die Schattenseite von Schnelligkeit und Dauerverfügbarkeit — verstärkt durch KI-Tools. Der Satz „Das kannst du doch schnell machen“ wird zur schleichenden Erwartungsinflation: Wenn alles schneller geht, wird nicht weniger erwartet, sondern mehr. Der Blogpost verbindet persönliche Erfahrung mit dem begleitenden Datenstück „Der Kopf kennt keinen Urlaub“ über mentale Gesundheit und Erreichbarkeit.

Quellen: Persönliche Reflexion, Datenstück „Der Kopf kennt keinen Urlaub“ (opendataminded.de)

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