Wozu noch Schule?

2013 hat Richard David Precht ein Buch geschrieben, das mich nicht mehr losgelassen hat. „Anna, die Schule und der liebe Gott.“ Ich habe es so oft verschenkt, dass ich aufgehört habe zu zählen. Vor allem an Lehrer in meinem Bekanntenkreis — nicht um sie anzugreifen, sondern weil ich glaube, dass die besten Lehrer die sind, die bereit sind, ihr eigenes System zu hinterfragen.

Prechts These war einfach und brutal: Unser Schulsystem stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es wurde gebaut, um gehorsame Arbeiter zu produzieren. Nicht Denker. Nicht Neugierige. Nicht Menschen, die Fragen stellen. Sondern Menschen, die Antworten auswendig lernen und zum richtigen Zeitpunkt wiedergeben. Noten messen Anpassung, nicht Verständnis. Lehrpläne bilden Fächer ab, nicht Zusammenhänge.

Das Buch wurde diskutiert, gelobt, zerrissen — und dann passierte: nichts. Dreizehn Jahre. Und das Schulsystem ist im Kern dasselbe geblieben.

Nur die Welt drumherum nicht.

Aber fangen wir ganz vorne an

Bevor es Schulen gab, bevor es Bücher gab, bevor es Schrift gab — musste der Mensch lernen. Nicht weil ein Lehrplan es vorsah. Sondern weil er sonst gestorben wäre.

Der Homo Sapiens vor hunderttausend Jahren musste sich merken, welche Pflanze ihn nährt und welche ihn umbringt. Er musste Spuren lesen, Wetter deuten, Gefahren erkennen, bevor sie da waren. Er musste aufmerksam sein — nicht weil es eine Tugend war, sondern weil Unaufmerksamkeit tödlich war. Lernen war kein Selbstzweck. Lernen war Überleben.

Und dann begann der Mensch, das Lernen auszulagern. Erst an die Kultur — Geschichten, Rituale, mündliche Überlieferung. Dann an die Schrift. Dann an Bibliotheken. Dann an Schulen. Dann an Google. Und jetzt an KI.

Jeder dieser Schritte hat den Einzelnen ein Stück dümmer und die Gemeinschaft ein Stück schlauer gemacht. Das war ein guter Deal — solange der Mensch noch verstand, was er da auslagert.

Aber versteht er das noch?

Die Zahlen sagen: Nein

Der IQ sinkt. Nicht irgendwo, nicht anekdotisch — in den am besten dokumentierten Ländern der Welt. Norwegen, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien. Seit Mitte der 1990er Jahre. Bratsberg und Rogeberg haben das 2018 in PNAS veröffentlicht — auf Basis von Hunderttausenden norwegischen Wehrdienstleistenden. Rund sieben IQ-Punkte pro Generation. Rückgang. Nicht genetisch, nicht durch Migration erklärbar. Umweltbedingt. Das heißt: Wir machen etwas falsch.

Und die PISA-Studie 2022 bestätigt es für Deutschland. Mathematik: minus 25 Punkte seit 2018. Lesen: minus 18 Punkte. Naturwissenschaften: minus 11. Das sind die schlechtesten Werte seit Deutschland an PISA teilnimmt. Seit dem Jahr 2000. Der Rückgang in Mathe und Lesen entspricht dem, was ein Fünfzehnjähriger in einem ganzen Schuljahr lernt. Wir haben ein Schuljahr verloren. In vier Jahren.

Und das war vor KI.

Dänemark dreht um

Manche haben reagiert. Dänemark hat 2024 Smartphones und private Geräte an Schulen verboten. Schweden — das Land, das Tablets am aggressivsten in Klassenzimmer gedrückt hat — investiert seit 2023 wieder in Bücher. 65 Millionen Dollar. Für Papier. In Schweden.

Warum? Weil die Lesekompetenz der Viertklässler eingebrochen ist. Zwischen 2016 und 2021 — genau in der Phase, in der Tablets zum Standard wurden.

Das ist kein konservatives Zurück-zur-Kreide. Das ist ein datengetriebener Notbremsvorgang. Die Skandinavier haben es ausprobiert, gemessen, und die Reißleine gezogen.

Und Deutschland? Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober 2024 Empfehlungen veröffentlicht. „Kritisch-konstruktiv“ soll der Umgang mit KI sein. Das klingt gut. Es steht auf Papier. Und Papier ist geduldig. In der Praxis heißt es: Sechzehn Bundesländer machen, was sie wollen. Oder gar nichts. Es gibt keine einheitliche KI-Fortbildung für Lehrer. Keine Antwort auf die Frage, ob eine Hausaufgabe, die eine Maschine in dreißig Sekunden besser löst als jeder Fünfzehnjährige, überhaupt noch eine Hausaufgabe sein sollte.

Finnland hat einen kohärenten Plan — von der Grundschule bis zur Universität. Die UNESCO hat 2024 gezählt: Weltweit hatten genau sieben Länder Programme zur KI-Fortbildung von Lehrern. Sieben. Deutschland war nicht darunter.

Wir reden über Digitalpakt-Milliarden für Breitband und Smartboards. Aber die Frage, was auf dem Smartboard passieren soll, hat niemand beantwortet.

Was Precht nicht kommen sah

2013 war das Smartphone das Problem. Kinder, die im Unterricht unter dem Tisch wischen. Aufmerksamkeitsspannen, die schrumpfen. Cybermobbing. Jonathan Haidt hat das später in „The Anxious Generation“ mit Daten untermauert — Depressionsraten bei Teenagern haben sich seit 2012 verdoppelt. Zeitgleich mit der Smartphone-Durchdringung.

Aber 2013 hat niemand damit gerechnet, was 2026 passieren würde.

Heute schreibt eine Maschine Hausaufgaben. Nicht schlecht — gut. Besser als die meisten Schüler. Sie löst Mathematik, formuliert Aufsätze, übersetzt Texte, fasst Bücher zusammen, erklärt Physik so geduldig, wie kein Lehrer es um 14 Uhr in der siebten Stunde kann. Sie widerspricht nicht, wird nicht müde, schimpft nicht und ist immer verfügbar.

Precht wollte die Schule reformieren. Er hat gefragt: Warum lernen Kinder so, wie sie lernen? Die richtige Frage. Aber KI stellt eine radikalere: Warum lernen Kinder überhaupt noch das, was sie lernen?

Und dann lese ich Studien, die mich nicht mehr schlafen lassen

Über tausend Schüler. Die eine Hälfte übt Mathe mit ChatGPT. Die andere ohne. Prüfung danach. Die ChatGPT-Gruppe schneidet schlechter ab. Nicht gleich — schlechter. Die Maschine hat nicht geholfen. Sie hat den Lernprozess ersetzt.

Eine Metaanalyse in Nature hat es breiter bestätigt: Für oberflächliches Lernen — Fakten, Zusammenfassungen, Wiedergabe — zeigt ChatGPT positive Effekte. Schüler können schneller reproduzieren, was sie gelesen haben. Aber für höheres Denken — Analyse, Bewertung, Transfer — dreht sich der Effekt um. Die Maschine macht das Wiederkäuen leichter und das Denken schwerer.

Ein Forscher namens Sung-Hee Kim nennt es kognitive Kapitulation. Die Schwelle, ab der jemand selbst nachdenkt statt die Maschine zu fragen, verschiebt sich. Nicht dramatisch, nicht über Nacht. Wie ein Muskel, den man nicht mehr benutzt. Navigation an Google Maps. Erinnerung an die Cloud. Rechtschreibung an die Autokorrektur. Rechnen an den Taschenrechner. Jedes für sich harmlos. In Summe — ein Mensch, der ohne seine Geräte nicht mehr funktioniert.

Wenn die Maschine weiß, rechnet, formuliert, übersetzt und erklärt — was bleibt dann für den Menschen?

Bulimie-Lernen trifft auf KI

Precht hatte einen Begriff dafür: Bulimie-Lernen. Wissen reinfressen, in der Klausur ausspucken, danach vergessen. Das System belohnt nicht Verstehen, sondern Wiedergabe. Nicht Neugier, sondern Konformität.

Und jetzt kommt eine Technologie, die genau das perfekt beherrscht. Wissen speichern und auf Abruf wiedergeben — das ist die Kernkompetenz einer KI. Und damit macht sie genau die Fähigkeit obsolet, für die unser Schulsystem zwölf Jahre lang trainiert.

Die Ironie ist kaum auszuhalten: Wir haben Generationen von Menschen darauf getrimmt, wie Maschinen zu funktionieren. Und jetzt funktionieren die Maschinen besser.

Wenn KI alles kann, was Schule lehrt — dann ist das Einzige, was bleibt, das, was KI nicht kann. Fragen stellen. Haltung entwickeln. Urteilen, ob eine Antwort stimmt, auch wenn sie perfekt formuliert ist. Erkennen, wann eine Maschine lügt — nicht aus Bosheit, sondern aus Wahrscheinlichkeit.

Precht hatte recht. Nur aus den falschen Gründen. Er wollte bessere Menschen bilden. Jetzt müssen wir Menschen bilden, die sich von Maschinen unterscheiden können.

Und die Lehrer?

Ich bin kein Lehrer. Ich bin kein Pädagoge. Ich maße mir nicht an, zu wissen, wie man das löst. Aber ich arbeite jeden Tag mit KI, und ich sehe, was sie kann und was nicht.

Sie kann antworten. Blitzschnell, in jeder Sprache, auf jedem Niveau.

Sie kann nicht fragen. Nicht wirklich. Sie kann Fragen formulieren, ja — aber sie hat kein Bedürfnis zu verstehen. Keine Neugier. Kein Unbehagen, wenn etwas nicht zusammenpasst. Kein Moment, in dem sie nachts wach liegt und denkt: Da stimmt doch was nicht.

Und genau das wäre der Job einer Schule, die ihren Namen verdient. Nicht Antworten einpauken, die eine Maschine in Sekunden liefert. Sondern die Fähigkeit lehren, die richtigen Fragen zu stellen. Den Mut, eine perfekte Antwort anzuzweifeln. Das Gefühl dafür, wann etwas zwar stimmt, aber trotzdem nicht wahr ist.

Ich denke dabei an Herrn Wild. Meinen Physik- und Chemielehrer, der nach Zigaretten roch und mir ein paar nachhaltige Worte mitgegeben hat: „Erst besinn’s, dann beginn’s.“ Ein Satz gegen blinden Aktionismus. Ein Satz, den ich in jedem Meeting denke, in dem jemand „einfach mal machen“ ruft.

Herr Wild war kein guter Lehrer nach den Maßstäben des Systems. Er war ein guter Lehrer nach den Maßstäben von Precht. Er hat nicht Physik gelehrt — er hat mich gelehrt, hinzuschauen, bevor ich handle.

Klug nur wenn Saft da ist

Und dann denke ich manchmal an ein Szenario, das niemand hören will. Was passiert, wenn der Strom ausfällt?

Nicht als Metapher. Konkret. Ein Blackout, ein Cyberangriff, eine Infrastruktur, die versagt. Plötzlich kein Google, kein ChatGPT, kein GPS, keine Cloud. Und eine Generation, die nie gelernt hat, im Kopf zu rechnen, eine Karte zu lesen, sich etwas zu merken, das nicht in einer App gespeichert ist.

Der Homo Sapiens vor hunderttausend Jahren war auf sich gestellt. Sein Wissen war in seinem Kopf. Seine Fähigkeiten waren in seinen Händen. Wenn er eine Spur falsch las, starb er. Aber er konnte Spuren lesen.

Wir haben eine Zivilisation gebaut, die atemberaubend leistungsfähig ist — solange Strom fließt. Wir haben unser Wissen in Maschinen verlagert, unsere Erinnerung in die Cloud, unsere Orientierung in Satelliten. Und wir bringen einer ganzen Generation bei, dass das normal ist.

Forscher nennen es den „Hollowed Mind“ — den ausgehöhlten Geist. Chronisches Auslagern von Denken an Maschinen erzeugt nicht Effizienz. Es erzeugt Abhängigkeit. Und eine Gesellschaft, die nur mit eingeschaltetem Stecker denken kann, ist verwundbar auf eine Weise, die es in der Geschichte der Menschheit noch nie gab.

Klug nur wenn Saft da ist. Das ist kein Fortschritt. Das ist eine Abhängigkeit.

Vor ein paar Tagen habe ich den Homo Idioticus geschrieben. Über die Frage, ob wir als Spezies bereit sind für das, was kommt. Die Frage nach der Bildung kam darin vor — als eine von zehn, die ich nicht beantworten kann.

Aber diese eine lässt mich nicht los. Weil sie die Grundlage für alle anderen ist. Weil wir eine Generation heranziehen, die gar nicht mehr die Werkzeuge hat, um die richtigen Fragen zu stellen. Die nicht einmal mehr merkt, dass sie fragen müsste.

Precht hat es 2013 gesagt. Wir haben nicht zugehört. Und jetzt ist die Frage nicht mehr, wie wir die Schule reformieren. Sondern wozu es sie noch gibt.

Ich habe keine Antwort. Aber ich glaube, die Frage war noch nie so dringend.

Zusammenfassung: Richard David Precht forderte 2013 eine Schulreform weg vom Bulimie-Lernen hin zu Persönlichkeitsbildung. Dreizehn Jahre später macht KI genau die Fähigkeiten obsolet, für die das Schulsystem ausbildet. Der IQ sinkt seit den 1990ern (Bratsberg/Rogeberg 2018), PISA 2022 zeigt Deutschlands schlechteste Werte seit Teilnahme. Studien belegen, dass ChatGPT-Nutzung höheres Denken verschlechtert. Dänemark und Schweden haben reagiert — Deutschland debattiert noch. Die Frage ist nicht mehr, wie wir Schule reformieren, sondern wozu.

Quellen: Bratsberg & Rogeberg, „Flynn effect and its reversal are both environmentally caused“, PNAS 2018 · OECD PISA 2022 Ergebnisse · Nature Human Behaviour, Metaanalyse KI und Lernen 2026 · Sung-Hee Kim, „Cognitive Surrender“ 2026 · Frontiers in Artificial Intelligence, „Hollowed Mind“ 2025 · Richard David Precht, „Anna, die Schule und der liebe Gott“ 2013 · Jonathan Haidt, „The Anxious Generation“ 2024 · UNESCO, Global Education Monitoring Report 2024 · KMK-Empfehlungen Oktober 2024

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