Bin ich ein Blogger?

Jemand hat mich neulich gefragt, was ich so mache. Ich hab gesagt: Ich schreibe einen Blog. Und in dem Moment, in dem ich es ausgesprochen habe, dachte ich: Stimmt das eigentlich?

Ein Blogger hat einen Redaktionsplan. Postet dienstags und freitags. Hat eine Nische. Reise, Food, Fitness, Tech – irgendwas mit Fokus. Hat wahrscheinlich einen Newsletter, ein Mediadatenblatt und eine Kooperation mit irgendeiner Marke.

Ich habe eine WordPress-Seite, die seit 2020 existiert. Sechs Jahre. In den ersten vier Jahren habe ich eine Handvoll Texte geschrieben. Mal was zur Pandemie, mal was zur Gesellschaft – wenn mir danach war. Dann lange nichts. Und dann, Anfang 2026, ist irgendwas passiert.

Was passiert ist

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Es war kein Vorsatz. Kein „Jetzt starte ich meinen Blog richtig durch.“ Es hat sich einfach aufgestaut. Gedanken, Fragen, Ärger, Faszination – und irgendwann war der Druck größer als die Bequemlichkeit.

Ich habe einen Text geschrieben. Dann noch einen. Dann noch einen. Und plötzlich merkte ich: Das hört nicht auf. Nicht weil ich muss, sondern weil ich nicht anders kann.

Über 40 Posts in zwei Monaten. Rente, KI, Socke, Lanz & Precht, Datenstücke über Mikroplastik und Gesundheitsausgaben, Schwäche als Pressemitteilung. Ein Post über den Homo Idioticus. Eine Nachlese, in der ich erkläre, warum ich nicht schreibe, was ich denke.

Keine Nische. Kein Redaktionsplan. Keine Monetarisierung. Kein Newsletter. Kein SEO-optimierter Content-Kalender.

Bin ich ein Blogger?

Was das Schreiben mit mir macht

Es wäre einfach zu sagen: Ich schreibe, weil ich denke. Aber das stimmt nur halb. Das Schreiben verändert das Denken. Es zwingt mich, den Nebel im Kopf in Sätze zu packen. Und Sätze sind gnadenlos – die zeigen dir sofort, ob du wirklich was zu sagen hast oder nur so ein Gefühl hattest.

Ich fange oft an mit einer Empörung. Rente ungerecht. KI gefährlich. Irgendwas läuft schief. Und dann setze ich mich hin und merke: So einfach ist es nicht. Die Empörung ist der Anfang, aber der Text zwingt mich zur Differenzierung. Zur Recherche. Zum zweiten Gedanken. Und manchmal zum dritten.

Das ist der eigentliche Grund, warum ich nicht aufhören kann. Nicht weil ich der Welt was mitteilen will. Sondern weil ich erst beim Schreiben verstehe, was ich eigentlich denke.

Ich glaube, das unterscheidet mich von einem Blogger. Ein Blogger hat eine Botschaft und sucht ein Publikum. Ich habe eine Frage und suche eine Antwort. Dass dabei Texte rauskommen, die andere lesen können, ist ein Nebeneffekt. Ein schöner Nebeneffekt. Jedenfalls war es das.

Die Sache mit den Lesern

Wobei – ganz stimmt das auch nicht mehr.

Anfangs war das hier ein Notizbuch. Nicht mal ein öffentliches – ich hatte Google jahrelang verboten, die Seite zu indizieren. Wozu auch? Im Grunde habe ich für mich geschrieben. Eine Handvoll Leute hat das gelesen, die meisten davon kannte ich persönlich.

Und dann hat sich was verändert. Ich habe angefangen, Texte auf Facebook zu teilen. Öffentlich. Nicht mehr nur für Freunde. WhatsApp-Stories. Ein X-Profil, das plötzlich nicht mehr nur rumliegt. Und irgendwann merkst du: Da lesen Leute mit, die du nicht kennst.

Das macht was mit dir. Du überlegst plötzlich, ob ein Satz auch ohne Kontext funktioniert. Ob jemand, der dich nicht kennt, versteht, was du meinst. Du wirst sorgfältiger, ohne vorsichtiger zu werden – jedenfalls ist das der Plan.

Und dann kommt die Frage, die ich mir noch nicht beantwortet habe: Was mache ich, wenn das wächst? Wenn plötzlich nicht eine Handvoll, sondern hundert Leute lesen? Oder tausend? Will ich das? Verändert mich das? Werde ich dann vorsichtiger? Strategischer? Werde ich dann zum Blogger?

Ich weiß es nicht. Und ich glaube, solange ich es nicht weiß, bin ich keiner.

Was ich stattdessen bin

Ich habe keine Nische und ich glaube, das ist kein Bug. Ich bin neugierig. Mich interessiert zu viel. Und das, was mich gerade beschäftigt, wird zum nächsten Text. Das ist kein Redaktionsplan. Das ist ein Kopf, der nicht still hält.

„Blogger“ klingt nach 2008. Nach Blogspot und Blogroll. Nach einer Zeit, in der man stolz darauf war, überhaupt im Internet zu schreiben. Heute klingt es nach Beruf. Nach Strategie. Nach „Content Creator“ ohne das englische Wort.

Was bin ich dann? Autor? Zu groß. Schriftsteller? Lächerlich. Publizist? Bitte nicht. Kolumnist? Dafür bräuchte ich eine Zeitung. Wobei – Kolumnist ohne Zeitung, das hätte was.

Ich bin jemand, der das Internet als Notizbuch benutzt. Öffentlich, weil es ehrlicher ist. Unregelmäßig, weil der Kopf keinen Kalender hat. Ohne Nische, weil das Leben keine hat.

Der Nerd. Der Spinner. Der, der was draus macht.

Ob das ein Blog ist? Keine Ahnung. Aber es ist meins.

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