Schwäche als Pressemitteilung.
In der Straße von Hormuz wird es gerade eng. Iran droht, Schiffe werden kontrolliert, GPS-Signale verschwinden, Reedereien legen Pläne für Umwege ums Kap der Guten Hoffnung in die Schublade. Durch diese Meerenge fließen rund zwanzig Prozent des globalen Ölhandels und ein ordentlicher Teil des LNG, das bei uns die Lücke füllen soll, die Russland hinterlassen hat. Lanz und Precht haben vor ein paar Tagen darüber gesprochen – mit einem trockenen „Good luck.“ als Schlusswort.
Und Deutschland? Deutschland berät.
Das ist nicht das Thema dieses Posts. Das Thema ist etwas Leiseres, aber ich finde, es ist das Eigentliche.
Der Verteidigungsminister sagt öffentlich, die Bundeswehr sei nicht kriegstüchtig. Der Wehrbeauftragte listet in seinem Jahresbericht akribisch auf, was alles fehlt – Personal, Ausrüstung, Munition, funktionierende Kasernen. Der aktuelle Bericht, übergeben am 3. März 2026, ist frei zugänglich auf bundestag.de:
Die Zahlen darin sind nicht versteckt. Sie stehen in der Einleitung:
Er nennt die Zielgröße von 260.000 aktiven Soldat:innen bis Mitte der 2030er-Jahre. Aktuell sind es 181.174. Die Lücke ist nicht versteckt – sie ist beziffert:
Auch die aktuellen Einsätze sind öffentlich bis auf den einzelnen Soldaten dokumentiert:
Und das Geld? Auch das steht in der Einleitung. Klare Zahlen, klare Entwicklung:
62,3 Milliarden regulärer Verteidigungshaushalt, ein Plus von 10 Milliarden gegenüber 2024. Zusätzlich rund 24 Milliarden aus dem Sondervermögen. Im Juni 2025 beschloss die NATO in Den Haag eine weitere Erhöhung der Verteidigungsausgabenzusagen. Alles mit Seitenzahlen.
All das dokumentiert, seriös recherchiert, und formal völlig in Ordnung. Demokratische Transparenz. Schadensbilanz vor dem Souverän. Haken dran.
Nur: Haben wir mal einen Schritt zurücktreten und das angeschaut, was wir da eigentlich tun?
Wir sagen aller Welt, wie verwundbar wir sind. Detailliert. Öffentlich. Mit Zahlen.
Churchill hat 1940 nicht gesagt, wie viele Spitfires noch flogen. Er hat gesagt: „We shall fight on the beaches.“ Das war nicht naiv. Das war Abschreckung. Staatliche Stärke hat jahrhundertelang auch davon gelebt, dass der Gegner nicht genau weiß, wie dünn die Decke gerade ist. Strategische Ambiguität nennen das die Militärwissenschaftler. Und sie war bis vor Kurzem etwas, das man in jedem Lehrbuch unter „Grundlagen“ fand.
Heute ist sie offenbar nicht mehr en vogue.
Wir leben in einer Zeit, in der Öffentlichkeit über alles als Wert an sich gilt. Jeder Zustand muss kommunizierbar sein, jede Schwäche debattierbar, jede Bestandsaufnahme öffentlich. Das ist, in vielerlei Hinsicht, demokratischer Fortschritt – und eine Frage der Haltung. Der Wehrbeauftragte macht seine Arbeit gut. Ein Verteidigungsminister, der sagt „wir sind nicht bereit“, schafft Druck für Veränderung – und ohne diesen Druck gäbe es vermutlich kein Sondervermögen, keine Wehrpflicht-Debatte, keinen politischen Willen zur Kurskorrektur.
Ich verstehe also, warum das so läuft.
Ich frage mich nur, ob uns klar ist, was es kostet.
Die Transparenzfalle sieht so aus: Die einzige Möglichkeit, den schlechten Zustand zu ändern, ist, ihn öffentlich zu machen. Die Folge davon ist, dass wir währenddessen noch schwächer dastehen, als wir sind – weil jetzt auch der Gegner weiß, woran er ist. Putin liest mit. Xi liest mit. Teheran liest mit. Die lesen nicht deutsche Twitter-Debatten zur Abschreckung. Die lesen den Jahresbericht des Wehrbeauftragten. Den gibt es als PDF, als EPUB, mit Pressemitteilung, sauber nummeriert (der 67. Bericht in Folge), und er liegt drei Klicks entfernt auf bundestag.de. Mit Volltextsuche. Frei zugänglich, sauber gegliedert, übersichtlich.
Eine Quelle, eine Wahrheit. Danke für die Mühe.
Wer macht das sonst noch so?
Das ist die Frage, die mich am meisten interessiert. Die Antwort ist: in dieser Form nur wenige.
Das Vereinigte Königreich hat das Defence Select Committee, das öffentliche Untersuchungsberichte publiziert – themenbezogen, aber nicht als jährliche Gesamtbilanz mit einer offiziellen Mängelliste. Finnland und andere nordische Länder haben parlamentarische Ombudsleute mit Jahresberichten, oft auch auf Englisch. Die Europäische Union hat einen Ombudsman mit öffentlichen Jahresberichten. Auf der anderen Seite der Landkarte: Russland, China, Iran – dort ist nichts Vergleichbares öffentlich. Kein Parlamentsbericht, keine Wehrbeauftragte, keine Pressekonferenz zu Mängeln, keine Haushaltsdebatte, die übersetzt im Netz steht.
In dieser einen Disziplin, der strategischen Selbstdarstellung, haben sie einen Vorteil, den wir verloren haben.
Und Deutschland? Deutschland geht nochmal eine Stufe weiter. Die Ausführlichkeit und der niedrigschwellige Zugang sind selbst im westlichen Vergleich bemerkenswert. 67 Jahrgänge, rückwirkend archiviert, indexiert, durchsuchbar. Sehr deutsch. Sehr gründlich. Vielleicht zu gründlich.
Was mich daran beschäftigt, ist weniger das Militärische. Ich bin kein Verteidigungsexperte. Was mich beschäftigt, ist das Muster dahinter. Wir haben verlernt, dass nicht alles, was man sagen kann, auch gesagt werden sollte. Wir halten das Schweigen für Schwäche und das Reden für Reife – und übersehen dabei, dass es Situationen gibt, in denen es genau andersherum ist.
Ich weiß nicht, wie man da rauskommt. Man kann ja nicht seriös fordern, dass der Wehrbeauftragte seine Berichte einstellt oder der Minister weniger ehrlich ist. Das wäre die falsche Lektion. Die richtige Frage ist vielleicht eher: Wie können wir demokratische Transparenz erhalten und gleichzeitig aufhören, jede einzelne Schwäche als Einladung zu formulieren?
Ich habe keine Antwort. Aber ich habe das Gefühl, dass wir die Frage gerade nicht einmal stellen.
Quellen & Hintergrund
- Jahresbericht 2025 des Wehrbeauftragten – Drucksache 21/4200, 03.03.2026
- Übersicht aller 67 Jahresberichte – bundestag.de
- Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages – Institution
- Government Defence Integrity Index – Transparency International Defence
- Aktueller Wehrbeauftragter seit 21. Mai 2025: Henning Otte
Während ich das schreibe, spielt Helga nebenan Candy Crush, im Fernseher läuft eine Doku zu Drohnenkriegen, auf dem Handy ploppt eine Push-Meldung zu Hormuz. Zweiter, dritter Screen – der Trend geht zur Halbaufmerksamkeit. Das ist vielleicht die eigentliche Entschärfung. Wir sagen aller Welt, wie verwundbar wir sind. Aber aller Welt hat gerade Candy Crush auf.
Bleibt so transparent. Aber nicht ganz so öffentlich.
Ich bleibe neugierig und werde es beobachten.