Was ich nicht schreibe.
Ich hab die Folge gehört. Hab mir Notizen gemacht. Hab angefangen, mir Gedanken zu sortieren. Und dann hab ich aufgehört.
Nicht weil mir nichts einfällt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie ich anfange, jeden Satz dreimal umzudrehen. Ob man das so sagen kann. Ob das falsch verstanden wird. Ob ein Wort reicht, um in einer Schublade zu landen, aus der man nicht mehr rauskommt.
Und dann dachte ich: Genau das ist der Punkt.
Ich schreibe seit ein paar Wochen Nachlesen zu Lanz & Precht. Rente, KI, Bildung, Populismus – alles kein Problem. Ich höre zu, ich ordne ein, ich sage, was ich denke. Aber bei dieser Folge? Da sitze ich vor dem Bildschirm und überlege, ob ich mir das leisten kann.
Ich bin ein ganz normaler, leicht nerdiger Typ aus Fürth mit einem Blog, der eine Handvoll Leser hat. Kein Politiker, kein Journalist, kein Nahostexperte. Und trotzdem diese Vorsicht. Dieses Abtasten. Dieses Gefühl, auf einem Minenfeld zu stehen, auf dem jeder Schritt der falsche sein kann.
Wenn das kein Beleg für die These dieser Folge ist, dann weiß ich auch nicht.
Also mache ich es anders. Ich schreibe nicht über den Nahostkonflikt. Ich bin nicht qualifiziert, die Lage in Gaza, im Libanon oder im Westjordanland zu bewerten. Was ich aber bewerten kann: wie wir darüber reden. Oder eben nicht reden.
Was Lanz und Precht sagen
Lanz steigt ein mit einem Helmut-Schmidt-Zitat von 1981. Schmidt lehnte einen Staatsbesuch in Israel ab, weil er nicht als – Zitat – „wandelnde Aktion Sühnezeichen“ unterwegs sein wolle. Damals: kaum Aufregung. Heute: sofortiger Rücktritt. Das Paradoxe daran – je weiter der Holocaust zeitlich zurückliegt, desto schwieriger wird es offenbar, Israel zu kritisieren.
Und dann liefert Precht die Erklärung, die ich am stärksten finde.
Es liegt nicht nur am steigenden Antisemitismus. Es liegt an einer strukturellen Verschiebung im politischen Spektrum. Früher war die Haltung zu Israel ein links-rechts-Thema. Die CDU stand solidarisch zu Israel, die Linke solidarisierte sich mit den Palästinensern. Zwei Positionen, offen verhandelt, mitten in der Gesellschaft.
Heute ist daraus ein Mitte-Rand-Thema geworden. Die Grünen – ehemalige Linke – sind zur „Schoah-Linken“ geworden, wie die israelische Soziologin Eva Illouz das nennt. CDU, SPD, FDP, Grüne: alle in einer ähnlichen Position. Eine breite Mitte, die sich weitgehend einig ist.
Und wer von dieser Mitte abweicht, wird schnell als radikal markiert. Nicht durch Gesetze – sondern durch das, was Precht den „verengten Meinungskorridor“ nennt. Die Leute trauen sich nicht mehr, weil der Preis zu hoch ist.
Das Instrument
Ein Schlüssel dafür ist die IHRA-Definition von Antisemitismus, die Deutschland in ihrer weitreichendsten Form übernommen hat. Sie stellt einen engen Zusammenhang her zwischen Kritik am Staat Israel und Antisemitismus. Der Menschenrechtskommissar des Europarats hat Deutschland genau dafür kritisiert.
Das Problem dabei: Es gibt echten, wachsenden Antisemitismus in Deutschland. 6.500 judenfeindliche Straftaten hat das BKA 2024 registriert. 18 pro Tag. Das ist real, das ist bedrohend, und das darf man keine Sekunde relativieren.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Hass auf Menschen, weil sie jüdisch sind – und der Kritik an einer Regierung, der man Völkerrechtsbrüche vorwirft. Das eine ist Antisemitismus. Das andere ist politische Meinungsäußerung. Und wenn beides in einen Topf geworfen wird, schadet das am Ende beiden Seiten.
Was ich denke – und was ich nicht schreibe
Ich habe eine Meinung zu dem, was im Nahen Osten passiert. Natürlich habe ich die. Jeder, der die Zahlen liest – 254 Tote bei einem einzigen Angriff, 800.000 Vertriebene im Südlibanon, 103 neue Siedlungen im Westjordanland, ein Todesstrafen-Gesetz durch Erhängen – jeder, der das liest, hat eine Meinung.
Aber ich schreibe sie hier nicht auf.
Nicht weil ich Angst habe. Sondern weil genau dieses Nicht-Schreiben mehr über den Zustand unserer Debatte sagt als jeder Take, den ich liefern könnte.
Und ich bin damit nicht allein. Precht beschreibt genau das: Leute, die sagen, „ach komm, das Thema ist mir zu heiß, das mache ich nicht.“ Nicht weil sie keine Haltung haben. Sondern weil der Preis für eine falsche Formulierung zu hoch ist.
Lanz‘ Schlusswort
Markus Lanz fasst am Ende zusammen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte – und es offenbar nicht mehr ist:
Es muss möglich sein, mit Opfern auf beiden Seiten mitzufühlen. Es muss möglich sein, die Netanyahu-Regierung zu kritisieren und gleichzeitig für die Sicherheit von Juden in Deutschland einzutreten. Es muss möglich sein, den 7. Oktober zu verurteilen und das Leid in Gaza nicht zu ignorieren.
Das klingt banal. Aber in einer Debatte, in der jede Differenzierung als Relativierung ausgelegt werden kann, ist es das nicht.
Und jetzt?
Ich weiß nicht, ob dieser Post mutig ist oder feige. Ich rede über die Debatte, statt sie zu führen. Ich beschreibe das Minenfeld, statt drüberzulaufen. Vielleicht ist das klug. Vielleicht ist es auch genau das Problem.
Aber wenn ein Typ aus Fürth mit einem Blog bei einer Podcast-Nachlese ins Stocken gerät – nicht wegen fehlendem Wissen, nicht wegen fehlender Meinung, sondern wegen der Angst, das Falsche zu sagen – dann stimmt etwas nicht mit dem Raum, in dem wir reden.
Und darüber wenigstens zu schreiben, das muss drin sein.
Die Folge: Lanz & Precht #242 – Israels Regierung: Wie viel Kritik ist möglich?
Nachlese zu Lanz & Precht, Folge 242 — über Israel-Kritik, Meinungskorridore und die Frage, warum Schweigen manchmal lauter ist als jeder Take. Gehört und lange drüber nachgedacht in Fürth.