Das Legacy-System.

Hüfingen, Schwarzwald. Teamabend. Gutes Essen, kühle Weinschorle, und irgendwann — wie das so ist — wird es philosophisch. Das Thema: Demokratie.

Die meisten am Tisch fanden Demokratie großartig. Alternativlos. Das Beste, was wir haben. Und ich saß da und dachte: Stimmt. Es ist das Beste, was wir haben. Aber reicht das als Argument?

Ich arbeite seit Jahren mit Systemen. Ich sehe Unternehmen, die auf Software laufen, die vor fünfzehn Jahren gut war. Die damals Probleme gelöst hat, die es heute nicht mehr gibt. Und die heute Probleme erzeugt, die es damals noch nicht gab. Niemand würde sagen: Dieses ERP ist das Beste, was wir haben — also fassen wir es nicht an. Und trotzdem sagen wir genau das über ein Regierungssystem, das im Kern 250 Jahre alt ist.

Demokratie ist ein Legacy-System. Und bevor jetzt jemand reflexartig zusammenzuckt — das ist keine Kritik am Grundgedanken. Das ist eine Diagnose am Zustand.

Die erste Version

Athen, etwa 500 vor Christus. Die Geburt der Demokratie. Klingt großartig. War es auch — für zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung. Frauen: nein. Sklaven: nein. Ausländer: nein. Erwachsene männliche Bürger durften abstimmen. Das war der MVP. Minimum Viable Politics.

Und selbst Aristoteles war skeptisch. Sein Problem: Die Mehrheit entscheidet im eigenen Interesse, nicht im Interesse aller. Das steht in der Politik, Buch III. Vor 2.400 Jahren. Und wenn ich mir Wahlkampfversprechen anschaue — hat sich daran was geändert?

Das Update

Dann passiert zweitausend Jahre lang — erstaunlich wenig. Monarchien, Feudalsysteme, Kirchenstaaten. Das Volk regiert nicht, das Volk wird regiert.

Und dann kommt die Aufklärung. Locke, Montesquieu, Rousseau. Natürliche Rechte, Gewaltenteilung, Gesellschaftsvertrag. Die Theorie war brillant. Aber sie hat nicht das System erfunden. Sie hat dem System eine Philosophie gegeben. Und wir verwechseln seitdem die Philosophie mit dem System.

Die Idee, dass alle Menschen gleich sind, ist zeitlos. Die Idee, dass man diese Gleichheit durch Wahlen alle vier Jahre abbilden kann — die darf man hinterfragen.

Der Zustand

Das Grundgesetz ist 76 Jahre alt. Es wurde geschrieben für ein Land in Trümmern, das gerade den schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte verursacht hatte. Es war ein Meisterwerk. Für 1949.

Und jetzt? 88 Demokratien weltweit, 91 Autokratien. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren sind Autokratien in der Mehrheit. 72 Prozent der Weltbevölkerung leben in autokratischen Systemen. Nur 6,6 Prozent in dem, was Freedom House eine „vollständige Demokratie“ nennt.

6,6 Prozent. Nach 250 Jahren Entwicklungszeit. Wenn ich einem Kunden ein System verkaufe und nach 250 Jahren haben 6,6 Prozent der Nutzer die Vollversion — dann ist das kein Erfolg. Dann ist das ein Rollout-Problem.

Und Deutschland? Wahlbeteiligung 2025: 82,5 Prozent. Klingt gut. Ist es auch — im Vergleich zu den Jahren davor. Aber was hat die Leute an die Urne getrieben? Begeisterung für das System? Oder Angst vor dem, was passiert wenn man es nicht tut? Die AfD und das BSW haben 2,5 Millionen ehemalige Nichtwähler mobilisiert. Nicht trotz der Unzufriedenheit. Wegen der Unzufriedenheit.

Und die anderen?

Ich hab mich gefragt: Wie haben Menschen sich organisiert, bevor wir angefangen haben, Systeme zu erfinden?

Die Haudenosaunee — die Iroquois-Konföderation — hatten ab dem 15. Jahrhundert ein Regierungssystem, das auf Konsens basierte. Nicht auf Mehrheit. Konsens. Der Große Rat brauchte Einstimmigkeit. Und die Clanmütter — nicht die Krieger, nicht die Häuptlinge — die Clanmütter wählten die Sachems und konnten sie wieder absetzen. Die Frauen kontrollierten die Ressourcen und berieten über Krieg und Frieden.

Fünfhundert Jahre vor unserem Grundgesetz. Ohne Aufklärung. Ohne Montesquieu. Ohne Parteitag.

Ist das besser? Keine Ahnung. Es skaliert wahrscheinlich nicht auf 84 Millionen Menschen. Aber es zeigt, dass unser Modell nicht das einzige ist. Nicht das natürliche. Und vor allem nicht das endgültige.

Die Frage

Churchill hat gesagt, Demokratie sei die schlechteste Regierungsform — abgesehen von allen anderen, die ausprobiert wurden. Das Zitat ist von 1947. Fast achtzig Jahre alt. Und wir benutzen es immer noch als Totschlagargument, um jede Diskussion abzuwürgen.

Aber Systeme, die man nicht hinterfragen darf, werden spröde. Das weiß jeder, der mal ein veraltetes Warehouse abgelöst hat. Und Systeme, die sich selbst für alternativlos erklären, haben meistens Angst vor der Antwort.

Wem dient das System? Dem Volk, das es tragen soll? Oder der Struktur, die sich um es herum gebildet hat? Und wann ist der Punkt, an dem ein System nicht mehr das tut, wofür es gebaut wurde — sondern vor allem sich selbst erhält?

Auf der Rückfahrt von Hüfingen war es still im Auto. Nicht weil nichts zu sagen war. Sondern weil der Abend nachgearbeitet hat. Kontrovers, offen, mit Respekt — ich bin dankbar für Kollegen, die sich auf so ein Thema einlassen. Und irgendwo zwischen Schwarzwald und Fürth habe ich gedacht: Das Grundgesetz beginnt mit „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein perfekter erster Satz. Aber ein erster Satz ist ein Versprechen. Und Versprechen muss man halten — nicht einrahmen.

Quellen: Freedom House „Freedom in the World 2024“, V-Dem Institute, Aristoteles „Politik“ Buch III, Bundeswahlleiter Wahlergebnisse 2025, Haudenosaunee Confederacy / Iroquois Great Law of Peace

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