Die wertvollste Währung.

„Es gibt kaum einen Politiker, der so präzise wie Donald Trump verstanden hat, dass es in dieser Welt fast nur eine harte Währung gibt: Aufmerksamkeit.“

So leitet Lanz diese Folge ein. Und ich sitze da und denke: Stimmt. Aber es fehlt ein Schritt. Aufmerksamkeit ist nicht die wertvollste Währung. Zeit ist es. Aufmerksamkeit ist nur der Preis, den wir dafür zahlen, dass jemand anderes unsere Zeit bekommt.

Und niemand versteht das besser als Donald Trump.

Die Zahlen

25.000 Tweets in einer Amtszeit. 160 an einem einzigen Tag. Nicht weil ein Mensch 160 Meinungen am Tag hat — Precht sagt trocken: „So viele Meinungen habe ich gar nicht. Ich habe keine 160 Meinungen über mein ganzes Leben.“ Sondern weil Trump verstanden hat: Du brauchst keine Meinung. Du brauchst ein Keyword. Du sagst Grönland, du sagst Iran, du sagst Zölle. Und du schaust, was zündet. A/B-Testing in Echtzeit. Was funktioniert, machst du weiter. Was nicht funktioniert, lässt du hinten runterfallen. Hat im Grunde nicht stattgefunden.

Precht nennt das: permanente Irritation als Politikersatz. Du bietest keine Lösung an. Du irritierst. Die ganze Zeit. Und die Aufmerksamkeit ist so voll damit, dass für den Maduro von letzter Woche kein Platz mehr ist. Google-Suchanfragen nach der Entführung: zehn Tage auf Maximum, dann weg. Kollektive Demenz.

Alexander Kluge hat dafür den besten Titel geschrieben, den man sich vorstellen kann: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.“

Und Merz?

Das kommt jetzt nicht von Lanz und Precht. Das ist meine Neugier. Aber die Zahlen drängen sich auf.

Friedrich Merz hat 3.630 Posts auf X. Insgesamt. Ganze Karriere. Trump macht das in drei Monaten. Dabei ist der doch transatlantisch eingestellt, der Herr Merz. Er hat die Sprache jenseits des Atlantiks nur leider nicht gelernt. Also Englisch kann er ganz gut, der Rest ist dann eher nicht so seins. Offensichtlich.

Auf TikTok hat Merz 202.000 Follower auf seinem persönlichen Account. Alice Weidel: 977.000. Plattformübergreifend 3,87 Millionen. Die AfD hat verstanden, was die CDU nicht verstehen will. CDU/CSU-Abgeordnete haben im Schnitt 23.400 Follower — Schlusslicht aller Bundestagsparteien.

Und jetzt wird es absurd: Merz liebäugelt gleichzeitig mit einem TikTok-Verbot für Jugendliche unter 16. Die CDU will den Kanal regulieren, den sie selbst nicht beherrscht. Während die AfD genau dort die Jugend erreicht, die die CDU gerade schützen will.

Ist der Trend also zu uns geschwappt? Ja. Aber nicht zu denen, die regieren. Sondern zu denen, die irritieren.

Zurück zur Nachlese. Ich merke, ich schweife ab. Meine Aufmerksamkeit ist heute … aber dazu mehr. Also weiter in gebotenem Ernst.

Schimpansen-Instagram

Und dann liefert Precht das Bild der Folge.

Man hat Schimpansen vor Bildschirme gesetzt. Am Anfang fanden sie es witzig. Dann zeigten die Forscher ihnen Schimpansengesichter — quasi Schimpansen-Instagram. Und sie sind dem vollständig verfallen. Der gleiche soziale Overkill wie bei uns. Weil wir näher mit Schimpansen verwandt sind als mit Gorillas.

Gorillas gucken sich nicht an. Direkter Blickkontakt ist Provokation. Sie gehen jeder Konfrontation aus dem Weg. Und wissen trotzdem, wer sie sind. Ich wäre so gern mehr Gorilla als Schimpanse. Irgendwie affig, aber die Feinheiten sind schon wichtig. Affe ist eben nicht gleich Affe. Was mich interessieren würde: wie Elefanten damit umgehen würden.

Precht zieht die Linie: Unsere ganze Identität entsteht durch den Blick der anderen. So war es in der Horde. So war es in der Schule. Und jetzt sind die Blicke unendlich viele mehr als je vorher. „In eine Dimension explodiert, die von der Evolution nie vorgesehen war.“

Und dann kippt Lanz den Narzissmus-Vorwurf. Nina Kollek schreibt in „Kampf in den Köpfen“: Die Jugend ist nicht selbstbezüglich aus Egoismus. Sondern weil ihre Identität permanent öffentlich gespiegelt und bewertet wird. Selbstbezug ist keine Wahl. Es ist eine Überlebensstrategie. Wobei ich glaube, dass das vielschichtiger ist und dass das Aufwachsen in Lastenrädern und SUVs auch einen gewaltigen Einfluss haben könnte. Aber dazu vielleicht später mal mehr.

Dennoch hat es mich irgendwie getroffen. Weil ich immer wieder denke — was ist nur los mit dieser Generation? Und die Antwort ist: Was los ist, sind wir. Die Infrastruktur, die wir gebaut haben. Die Algorithmen, die wir zugelassen haben. Die Geräte, die wir ihnen in die Hand gedrückt haben, weil es uns den Abend einfacher gemacht hat. Der Zauberlehrling — keine Ahnung warum mir das gerade jetzt in den Kopf kommt. So alt und doch immer wieder aktuell. Goethe stirbt nie.

Der Aufmerksamkeitsräuber

Precht sagt einen Satz, den ich mir aufgeschrieben habe: „Aufmerksamkeitsraub ist kein Straftatbestand. Obwohl er den Menschen das Wichtigste nimmt, was sie haben. Ihre Fähigkeit zur Sammlung, zur Konzentration und ihre Neugier.“

Ihre Neugier.

Und weil es mir keine Ruhe lässt, habe ich mir mal Gedanken gemacht, wie man einen solchen Straftatbestand formulieren würde. Einfach mal als Gedankenexperiment. Humor darf sein, der Ernst dahinter nicht.

§ 248b StGB — Aufmerksamkeitsraub

(1) Wer die Aufmerksamkeit eines anderen durch den Einsatz algorithmischer Systeme vorsätzlich und in erheblichem Umfang entzieht, ohne dass ein berechtigtes Informationsinteresse vorliegt, wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.

(2) In besonders schweren Fällen — insbesondere wenn die Tat gegen Minderjährige gerichtet ist, wenn die Tat unter Einsatz von Dopamin-optimierten Feedmechanismen begangen wird oder wenn der Täter die entzogene Aufmerksamkeit gewerbsmäßig monetarisiert — ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

(3) Der Versuch ist strafbar.

Strafmaß für Mark Zuckerberg: lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung. Mildernde Umstände: keine.

Natürlich wird das nie Gesetz. Aber allein die Übung zeigt, wie absurd die Lücke ist. Wir haben Paragraphen gegen Diebstahl, Betrug, Nötigung. Aber für den systematischen Raub der menschlichen Konzentrationsfähigkeit — nichts. Nicht mal eine Ordnungswidrigkeit.

Und da bin ich wieder bei meinem Thema. Neugier ist mein Betriebssystem. Das habe ich letzte Woche erst geschrieben. Und jetzt höre ich Precht sagen, dass genau diese Neugier das ist, was die Aufmerksamkeitsräuber als erstes zerstören. Nicht die Konzentration. Die Neugier. Weil echte Neugier bedeutet, bei einem Gedanken zu bleiben. Tiefer zu gehen. Und das ist das Gegenteil von Scrollen. Und ehrlich: Ich schaffe das auch nicht immer. Die Mechanik von TikTok hat schon was.

Lanz bringt seinen Mönch aus der Mongolei. „Konzentrier dich 20 Sekunden auf einen roten Apfel.“ Schaffst du nicht. Weil nach zehn Sekunden denkst du an den grünen. Und in dem Moment, wo du denkst „denk nicht an den grünen Apfel“, hast du schon verloren. Ich denke an eine Banane. Meditation ist echt meins 😉

Aufmerksamkeitsspanne Mensch: 8 Sekunden. Goldfisch: 9. Ob die Studie stimmt, weiß niemand. Aber der Punkt sitzt. Und ich kenne Menschen, die sind eher bei der Fruchtfliege. Die schafft vier Sekunden. Allerdings hat die auch nur 100.000 Neuronen. Wir haben 86 Milliarden. Was unsere Ausrede sein sollte — und unser Anspruch.

Womit wollen wir sie füllen?

Lanz und Precht reden über Verbote. Australien, Frankreich, TikTok ab 16. Precht ist vorsichtig — er will erst sehen ob es funktioniert. Und er hat recht, technisch ist das kaum durchsetzbar. Jugendliche kleben sich Werte an, nutzen die Accounts der älteren Geschwister. Der kulturelle Kapitalismus, sagt Precht, „baut seinen eigenen Widerspruch noch kommerziell erfolgreich mit ein.“ Es gibt schon eine Digital-Detox-Industrie. No-Social-Bewegungen. Du zahlst Eintritt dafür, dass dein Handy draußen bleibt.

Precht fordert seit zwölf Jahren: Meditation als Schulfach. Kontemplation. Sammlung. Sich vor Aufmerksamkeitsraub schützen lernen. „Das bleibt auf jeden Fall für die Schule übrig im KI-Zeitalter.“

Und Lanz bringt die Gegengeschichte. Im Zug. Eine Mutter mit zwei Sechsjährigen, wahrscheinlich Zwillingen. Vier Stunden lang haben sie über Eisbären geredet. Nichts anderes. Und Lanz sagt: „Das fällt einem deswegen ganz besonders auf, weil man überwiegend Eltern sieht, die froh sind, wenn die Kinder digital abgelenkt sind.“

Das wertvollste was wir haben ist Zeit. Die Frage ist nicht, ob wir sie ausgeben. Sondern wofür.

Vier Stunden Eisbären oder vier Stunden Scrollen. Beides füllt einen Nachmittag. Aber nur eins davon hinterlässt eine Geschichte, die man später erzählen kann.

Laut gedacht

Bevor ich einen Text wie diesen veröffentliche, mache ich mir jede Menge Gedanken. Ist er gut genug? Trifft er das, was ich sagen will? Was mir wichtig ist? Sitzt er im Kopf — oder auch im Bauch?

Ich habe vor einer Woche über die Kill Chain geschrieben. Da saßen 170 tote Kinder im Text. Das sitzt im Bauch. Beim Homo Idioticus war es das Wort „Auslöschung“ — unterschrieben von den Leuten, die das Fundament gelegt haben. Das sitzt auch.

Dieser Text hier ist anders. Er ist klug, hoffe ich. Witzig, stellenweise. Scharf, wo es nötig ist. Aber er trifft nicht in den Magen. Und ich habe mich gefragt: Muss er das?

Und die Antwort ist: Nein. Nicht jeder Gedanke muss wehtun. Manchmal reicht es, wenn er hängenbleibt. Wenn du morgen im Zug sitzt und ein Kind siehst, das mit seiner Mutter über Eisbären redet — und daran denkst. Oder wenn du abends um elf merkst, dass du seit einer Stunde scrollst und nicht mehr weißt, wonach du eigentlich gesucht hast.

Das ist kein Bauchschlag. Das ist ein leises Stupsen. Und manchmal ist das genug.

Kurz und knapp: Lanz & Precht #244 behandelt die Aufmerksamkeitsökonomie. Trump hat verstanden, dass Aufmerksamkeit die harte Währung ist — 25.000 Tweets in einer Amtszeit, 160 an einem Tag. Der Vergleich mit Deutschland zeigt: Merz hat 3.630 Posts in seiner gesamten Karriere, während Weidel mit 3,87 Mio Followern die Plattformen dominiert. Precht vergleicht Social Media mit Schimpansen-Experimenten (verfallen dem sofort), fordert Meditation als Schulfach und nennt Aufmerksamkeitsraub den eigentlichen Straftatbestand. Kollek-Zitat: Selbstbezug der Jugend ist keine Wahl, sondern Überlebensstrategie. Fazit: Die wertvollste Währung ist nicht Aufmerksamkeit — sie ist Zeit.

Quellen: Lanz & Precht #244 (08.05.2026), Nina Kollek „Kampf in den Köpfen“, Alexander Kluge „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“, Netzschreier Social-Media-Analyse Bundestag 2026, Euronews/ZDF zur Merz-TikTok-Debatte

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