Wer leise stirbt.
Als ich am Wochenende an der Nachlese zu Lanz & Precht #240 gesessen habe – Hormuz, Iran, die nächste Eskalation, die uns alle noch überraschen wird – ist mir ein Satz hängengeblieben, den Precht immer wieder sagt: Es gibt viele Kriege, über die einfach niemand spricht. Er bringt das immer wieder ein. Mich hat das lange nicht wirklich angefasst. Diesmal schon.
Ukraine, Gaza, Iran. Das sind die Konflikte, die in meinem Kopf sind. Und zwar nicht, weil ich sie besser verstehe. Sondern weil sie täglich da sind. Morgens im Deutschlandfunk, abends in der Tagesschau, zwischendurch im Feed. Sie sind in mir, weil sie in den Medien sind.
Ich habe dann etwas Naives gemacht: Ich habe recherchiert, welche Kriege gerade tatsächlich laufen. Nicht welche ich gefühlt kenne – welche es gibt.
Das Ergebnis war unangenehm.
61.
Das Uppsala Conflict Data Program, seit 1946 die Goldstandard-Quelle für Konfliktforschung, zählt für 2024 61 aktive staatliche Konflikte weltweit. Rekord seit Beginn der Statistik. Davon sind elf echte Kriege nach wissenschaftlicher Definition – mehr als tausend Kampftote pro Jahr. Auch hier: höchste Zahl seit 2016.
Insgesamt rund 160.000 Tote 2024 durch organisierte Gewalt. Weltweit. In einem Jahr.
Ich konnte von diesen elf Kriegen drei benennen. Vielleicht vier. Den Rest musste ich nachlesen.
Sudan
Sudan ist 2024 nach Ukraine der tödlichste Konflikt der Welt. ACLED, das Armed Conflict Location & Event Data Project, zählt rund 28.700 direkte Kampftote. Humanitäre Organisationen schätzen die Gesamtzahl – inklusive Hunger, Krankheit, zerstörter Krankenhäuser – auf rund 150.000.
Mehr direkte Kampftote als in Gaza im selben Zeitraum. Mehr Gesamttote, wenn man Hunger und Krankheit mitzählt, als fast jeder andere aktive Konflikt weltweit.
Medienanteil Sudan an der globalen Konfliktberichterstattung 2024: unter einem Prozent.
Als ich diese Zahl das erste Mal las, habe ich sie nicht geglaubt. Ich habe gesucht, ob das stimmt. Es stimmt. CARE International veröffentlicht jedes Jahr einen Report dazu – „Suffering in Silence“. Die zehn am wenigsten beachteten humanitären Krisen. Sudan ist da regelmäßig vorne dabei. Myanmar auch. Der Kongo. Der Jemen. Die Sahel-Zone.
Ich wusste, dass Menschen das unterschiedlich wahrnehmen. Ich wusste nicht, wie groß der Abstand zur Realität ist.
Myanmar, das zweite Beispiel
Damit man nicht denkt, Sudan sei ein Einzelfall: Myanmar. Im Februar 2021 hat das Militär die gewählte Regierung gestürzt. Seitdem Bürgerkrieg. Laut ACLED Zehntausende direkte Kampftote, über drei Millionen Binnenvertriebene, ein Land im Dauerzusammenbruch. Ich musste nachschauen, wer gerade regiert. Ich hatte es tatsächlich vergessen.
Myanmar ist seit fünf Jahren im Krieg. Fünf Jahre. So lange wie der Zweite Weltkrieg in Europa gedauert hat. Und ich musste nachschauen.
Das gleiche Bild: Waffenlieferungen aus China, dokumentiert vom UN-Sonderberichterstatter. Kaum internationale Berichterstattung. ACLED führt das Land als einen der tödlichsten Konflikte weltweit. Berichterstattungsanteil: vermutlich noch niedriger als Sudan.
Wenn man erstmal anfängt zu suchen, werden es viele. Jemen. Ostkongo. Sahel. Es gibt keinen Mangel an Krieg auf dieser Welt. Es gibt einen Mangel an Nachrichten darüber.
Die Börse kennt die Antwort
Der erstaunlichste Punkt meiner Recherche war aber ein anderer. Ich wollte wissen, wie der Aktienmarkt auf verschiedene Konflikt-Ereignisse reagiert. Ob man es an den Kursen sehen kann, welche Ereignisse „groß“ sind.
Kann man.
Russische Ukraine-Invasion, 24. Februar 2022: Rheinmetall-Aktie legt in wenigen Tagen um über 40 Prozent zu. DAX sinkt leicht. Scholz‘ Zeitenwende-Rede drei Tage später: nochmal ein Sprung bei Rheinmetall. Hamas-Angriff, 7. Oktober 2023: plus 14 Prozent Rheinmetall in fünf Tagen.
Sudan-Krieg, 15. April 2023: praktisch nichts. Der DAX? Kaum Bewegung. Rheinmetall? Vielleicht zwei Prozent, aber das kann auch Zufall sein.
Die Börse ist ehrlich. Sie reagiert auf Nachfrage-Erwartung, nicht auf Opferzahlen. Wo keine Schlagzeile, da kein Auftrag. Wo kein Auftrag, da keine Kursbewegung. Der Sudan-Krieg ist real, tödlich, groß – und börsentechnisch unsichtbar.
Ich habe länger darüber nachgedacht. Nicht empört, sondern verwirrt. Das ist nicht moralisch. Das ist nur ein System, das seine eigene Logik hat. Aber die Parallele zur Medienaufmerksamkeit ist auffällig: Wo Nachrichten sind, ist Geld. Wo keine Nachrichten sind, stirbt man leiser.
Nebenbei: Ich hätte mit dieser Logik Geld verdienen können. Rheinmetall im Februar 2022 kaufen, Anfang 2025 verkaufen – das Zehnfache. Ich habe es nicht gemacht. Nicht weil ich clever war. Sondern weil ich die Zusammenhänge nicht schnell genug erkenne – und weil sich mein Unterbewusstsein wahrscheinlich weigert, mit sowas Geld zu verdienen. Mächtiges Über-Ich. Ich ticke da moralisch einfach anders. Ist vielleicht blöd. Ist aber auch okay. Irgendwie.
Wenn der Vermittler bombardiert wird
Eine Szene, die ich während der Recherche zum ersten Mal überhaupt bewusst wahrgenommen habe: Am 9. September 2025 bombardierte Israel Doha. Hauptstadt Katars. Ziel: vier Hamas-Verhandler, die dort saßen, um über einen US-vermittelten Gaza-Waffenstillstand zu sprechen.
Sechs Menschen starben, darunter der Sohn des Chefverhandlers und ein katarischer Sicherheitsbeamter. Die Hamas-Führung überlebte. Der Waffenstillstand war damit faktisch kaputt.
Israel hat zum ersten Mal einen Mitgliedsstaat des Golf-Kooperationsrats angegriffen. Katar ist der wichtigste arabische Vermittler der letzten zwanzig Jahre – Taliban-Abkommen, DRC-Ruanda, Ukraine-Kinderrückführungen. Ein Land, das Diplomatie betreibt wie andere Rohstoffe fördern. Und das wird beschossen, während es gerade vermittelt.
Ich erinnere mich nicht, das damals mitbekommen zu haben. Vielleicht habe ich es in einem Feed gesehen und weggescrollt. Vielleicht hat es mein Algorithmus gar nicht erst angeboten. Ich weiß es nicht mehr. Und genau das ist das Problem.
Meine Karte der Welt
Ich bin in Erlangen geboren und wohne in Fürth. Ich weiß, wo im Viertel welche Flagge hängt. Ich sehe ukrainische Unterstützung im Schaufenster vom Buchhändler, israelische Aufkleber an Laternen. Einmal sah ich einen sudanesischen Aufkleber – ich musste nachschauen, welche Flagge das war.
Das ist nicht böser Wille. Das ist meine Karte der Welt. Und die ist verzerrt.
Eine Karte ist praktisch. Sie vereinfacht, sie hilft, sie gibt Orientierung. Aber sie ist nie das Gebiet. Das ist banal, solange man es sagt. Es wird unangenehm, wenn man es vergisst. Und gefährlich, wenn man den eigenen Ausschnitt für die ganze Welt hält.
Der deutsche Anspruch
Deutschland hat im März 2023 etwas Bemerkenswertes gemacht. Das Auswärtige Amt hat offiziell Leitlinien für eine „Feministische Außenpolitik“ verabschiedet. Rechte, Ressourcen, Repräsentation. Drei große R, dazu ein D für Diversität. Der Anspruch: werteorientiert, menschenrechtsbasiert, konsequent.
Ich finde den Anspruch richtig. Die Welt hat mehr Haltung eher nötig als weniger. Das Problem ist nur: Zwischen Anspruch und Realität klafft eine Lücke, die man ohne Rhetorik-Schminke schwer übersieht.
Bei der Ukraine hat Deutschland geliefert – mit Zeitenwende-Rede, 100-Milliarden-Sondervermögen, Leopard-2-Panzern, mit einer Klarheit, die für deutsche Verhältnisse bemerkenswert war. Steinmeier hat den russischen Angriffskrieg wiederholt und deutlich verurteilt. Das war richtig. Das war notwendig.
Beim Sudan? Baerbock reiste im Januar 2024 hin, kündigte 240 Millionen Euro humanitäre Hilfe an, sagte den Satz „Dieser Krieg muss aufhören“. Gut. Und gleichzeitig genehmigte die Bundesregierung im selben Monat wieder Rüstungsexporte an Saudi-Arabien – 150 IRIS-T-Lenkflugkörper, Kehrtwende nach jahrelangem Stopp. Saudi-Arabien unterstützt im Sudan-Krieg die SAF. Die VAE, ebenfalls Empfänger deutscher Rüstungsgüter, bewaffnen die RSF. Beide Seiten.
Und eine aktive diplomatische Rolle? Eher nicht. Es musste Trump kommen, der im September 2025 mit Saudi-Arabien, Ägypten und den Emiraten eine „Quad“-Initiative startete. Das Ergebnis: Die vier Staaten unterstützen gegnerische Seiten, die Kriegsparteien lehnten die geforderte Waffenruhe ab. Die Initiative hat wenig erreicht, aber sie gab es wenigstens. Aus Deutschland kam nichts Vergleichbares.
Als Baerbock im September 2025 als neue UN-Generalversammlungs-Präsidentin ihre Eröffnungsrede hielt, listete sie einzelne „vergessene“ Krisen auf. Sudan war nicht dabei. Die Sudan-Expertin Marina Peter sagte dazu: „Der Krieg ist nicht vergessen, sondern ignoriert.“ Das ist ein Unterschied.
Waffenexporte 2024: Rekord seit Bestehen der Bundesrepublik. Deutschland ist laut SIPRI der fünftgrößte Waffenexporteur der Welt.
Ich finde das alles nicht einfach. Feministische Außenpolitik und Rüstungsexporte an Saudi-Arabien sind nicht zwangsläufig ein Widerspruch – es gibt Realpolitik, Bündnispflichten, Eurofighter-Verträge, all das. Aber wenn man Anspruch und Realität nebeneinanderstellt, muss man sich zumindest ehrlich machen: Wir sind nicht die Moralapostel, für die wir uns halten. Wir sind ein Land, das auf der Weltkarte große Worte hat und bei den vergessenen Kriegen – wie alle anderen – lieber nicht hinschaut.
Was jetzt?
Ich habe kein Rezept. Ich habe ein Datenstück gebaut, in dem die Zahlen nebeneinander stehen. 61 aktive Konflikte. Acht Staaten, die dokumentiert Waffen, Söldner oder Soldaten in fremde Kriege schicken. Fünf Staaten, die professionell vermitteln – eines davon wurde dabei bombardiert. Hundert Konzerne mit 632 Milliarden Dollar Umsatz. Eine Außenpolitik, die Werte predigt und Rüstung exportiert.
Was das mit mir macht: Ich lese jetzt wirklich auch die Meldungen, die der Algorithmus klein hält. Ich klicke Sudan an, wenn mir ein Zwei-Satz-Ticker begegnet, und nicht den Ukraine-Kommentar, den ich gefühlt schon kenne. Ich frage bei Wahlen ernsthaft nach Außenpolitik, nicht nur nach Kita und Steuer. Ich werde dabei bequem genug bleiben, dass Gaza und Ukraine weiter in meinem Kopf mehr Platz haben als Khartum. Aber zumindest weiß ich es jetzt.
Wenn wir schon nicht verhindern, dass Menschen leise sterben – könnten wir zumindest aufhören, so zu tun, als hätten wir es nicht gewusst.
Es gibt keinen Preis für Leute, die ihre eigenen Blindspots erkennen. Aber es gibt den Unterschied zwischen „ich wusste es nicht“ und „ich habe nicht hingeschaut.“
Ich glaube, den Unterschied schulden wir ihnen.
Das Datenstück „KRIEG(e).“ – mit allen Zahlen, Quellen und ausklappbaren Akteursprofilen – findest du auf opendataminded.de/kriege/. Quellen: SIPRI, UCDP, ACLED, UN OCHA, ICC, ICJ, CRS Report R42738, PRIO. Alle primär, alle nachlesbar.