„Good luck.“
15:38 Uhr. Trump sitzt in der Air Force One. 22 Minuten vor der Deadline. Er gibt den Befehl.
„Operation Epic Fury is approved. Good luck.“
Das war alles. Kein großes Statement. Kein Oval Office, keine Rede an die Nation. Zwei Wörter. Und ein Krieg begann.
Lanz hat das in Folge 240 aus einem NYT-Stück vorgelesen, das zwei White House Korrespondenten für ihr demnächst erscheinendes Buch recherchiert haben. Es ist ein kurzer Satz. Aber ich kann ihn nicht loslassen. Weil er so viel sagt über die Art, wie Geschichte gemacht wird – nicht in Lehrbüchern, sondern in schwarzen SUVs und klimatisierten Räumen.
Netanyahu im Keller des Weißen Hauses
11. Februar. Morgens um 11. Netanyahu wird nicht durch den Haupteingang geführt. Er kommt im schwarzen SUV, so dass Reporter ihn nicht sehen. Er wird am Oval Office vorbei, eine Etage tiefer, in den Situation Room gebracht. Den Raum, den wir alle kennen – aus Fotos, wenn irgendwo auf der Welt etwas Wichtiges passiert.
Was er dort vorgetragen hat, ist im Nachhinein bemerkenswert dreist: Schlagt zu, zerstört ihre Marine, ihre Airbases, ihre Luftwaffe. Danach bricht das Volk auf. Die Kurden marschieren ein. Der Regime-Change kommt von innen.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Netanyahu selbst geglaubt hat, was er da vorgetragen hat. Dafür sind die Israelis viel zu intelligent.“
Richard David Precht
Und er hatte recht. Es gab keinen Aufstand. Kein Chaos. Kein Volk, das auf die Straße geht. Nichts. Die Mullahs sitzen noch. Das Regime steht. Nur das Land liegt in Trümmern – und die Straße von Hormuz ist zu.
Der Fluss der Geschichte fließt durch drei Kilometer
Wir haben in der Nachlese zu Folge 238 über Energie und Macht gesprochen. Über die Straße von Hormuz als neuralgischen Punkt des Welthandels. Damals war es noch Theorie.
Jetzt ist es Realität.
Drei Kilometer. An der schmalsten Stelle 38 Kilometer breit, an der breitesten 55 – aber die entscheidende Fahrrinne: drei Kilometer. Durch diese drei Kilometer fließen 20 Prozent des globalen Ölhandels. 25 Prozent des weltweiten Flüssiggases. Wenn diese Fahrrinne zu ist, dreht sich die Weltwirtschaft langsamer. Sofort. Ohne Übergangsfrist.
Lanz zählt auf, was das in der Praxis bedeutet: Philippinen, Energienotstand ausgerufen. Myanmar, Benzin rationiert. Bangladesch, Tankstellenschlangen anderthalb Kilometer lang, Polizei und Militär müssen eingreifen, weil es zu Schlägereien kommt. Laos, Drei-Tage-Woche. Kambodscha, Klimaanlagen nur noch auf 25 Grad. Sri Lanka, Leuchtreklamen aus nach 21 Uhr.
Das ist nicht Asien. Das ist die Welt, die ich jeden Abend in den Nachrichten sehe – nur diesmal nicht als abstrakte Katastrophe, sondern als Kettenreaktion mit Zeitplan. Die Ökonomen, die Lanz zitiert, beschreiben das einheitlich: Der Schock beginnt in Asien, wandert über Afrika, und kommt dann bei uns an. An der Zapfsäule. In der Stromrechnung. Im Supermarkt.
Und amerikanische Tanker, die auf dem Weg nach Europa sind, machen kehrt. Die Chinesen zahlen mehr.
Das alles für drei Kilometer Fahrrinne.
Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob ich in die Politik gehen oder lieber Kabarettist werden sollte. Beides würde bedeuten, über Dinge zu reden, die offensichtlich sind, und dafür entweder ignoriert oder ausgelacht zu werden. Vielleicht ist das dasselbe.
Wir reden über Spritpreise. Ich habe das schon in der #238-Nachlese geschrieben. Ich bleibe dabei. Es ist armselig. Und es ist menschlich. Beides gleichzeitig.
Die Märkte als letzter Erwachsener im Raum
„Die Märkte sind zum wiederholten Mal mächtiger als Trump. Ausgerechnet der viel gescholtene Kapitalismus hat diesem Möchtegern-König sozusagen die Grenzen aufgewiesen, weil die Börse am Ende immer gewinnt.“
Richard David Precht
Das ist nicht zynisch gemeint. Das ist eine nüchterne Beobachtung. Zölle? Nicht durchgekommen. Grönland? Nicht passiert. Iran-Eskalation? Gebremst, weil die Märkte zitterten.
Trump ist berechenbar in einer Weise, die man fast respektieren müsste: Er will Macht. Macht braucht Geld. Geld braucht stabile Märkte. Wenn die Märkte fallen, knickt er ein. So einfach ist das.
Das Erschreckende daran ist nicht Trump. Das Erschreckende ist, dass der Kapitalmarkt verlässlicher ist als das Völkerrecht.
Rückgrat. Oder was davon übrig ist.
Der schärfste Moment der Folge kommt am Ende. Lanz kommt zurück auf Trumps Drohung – die Drohung, bis zu 100 Millionen Iraner auszulöschen, „um das Volk qua Auslöschung zu befreien.“ Ein Widerspruch, der eigentlich keiner Erklärung bedarf.
Und die Reaktion aus Deutschland? Nichts. Oder fast nichts. Kein Entsetzen. Kein klares Wort.
„Der Mann, der langsamer lernt als sein Schatten.“
Richard David Precht über Friedrich Merz
„Wir müssen kommentarlos solche Drohungen… das Wort Entsetzen muss hier fallen. Nicht nur wir distanzieren uns oder wir stimmen nicht überein. Das Wort Entsetzen muss fallen.“
Markus Lanz
Es ist fallen gelassen worden. Ohne dass jemand es aufgehoben hat.
„Gesetze und Werte ohne die Macht, sie auch durchzusetzen, sind dann leider manchmal nicht viel wert.“
Markus Lanz
Das ist kein Zynismus. Das ist Realismus. Bitterer, notwendiger Realismus.
Wenn einer am Boden liegt.
Es gibt etwas, das mich an dieser ganzen Geschichte mehr erzürnt als alles andere – und kaum jemand spricht darüber.
Derselbe Mann, der von Bord der Air Force One „Good luck“ sagt und damit einen Krieg beginnt, der 100 Millionen Menschen mit Auslöschung bedroht – glaubt, er verdient den Friedensnobelpreis. Hat es gesagt. Öffentlich. Und die Welt nickt.
Das ist nicht Politik. Das ist Pathologie.
Und dann schau dir an, wie die Welt reagiert. Ich habe ein Bild im Kopf, das mich nicht losslässt: Eine Gruppe von Menschen steht um zwei Prügelnde herum. Alle schauen zu. Einer sagt: „Schau mal wie der aussieht.“ Ein anderer: „Mann, hat der eben eine Maul bekommen.“ Aber keiner geht dazwischen. Keiner sagt was. Weil alle auf den anderen warten.
Bystander-Effekt. Auf geopolitischer Ebene. Je mehr Zuschauer, desto weniger fühlt sich irgendjemand zuständig. Die UN hat 193 Mitglieder.
Es gab mal einen Kodex. Wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht nach. Das war kein Gesetz. Das war eine Übereinkunft von Menschen, die verstanden haben, dass Zivilisation genau das ist: die Grenze, die man nicht überschreitet. Heute? Da liegt einer am Boden und man tritt auf ihn ein. Und alle filmen.
Ich beobachte das nicht erst seit gestern. Krim. Venezuela. Und jetzt Iran. Immer dasselbe Muster: Einer macht etwas Ungehörliches. Die Welt schaut kurz hin. Dann schaut sie weg. Dann gewöhnt sie sich dran.
Und wir Deutschen ganz vorne mit dabei. Wir, die wir anderen gerne erklären, was moralisch richtig ist. Die mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt laufen. Und wenn es drauf ankommt – schweigen wir. Precht nennt Merz „den Mann, der langsamer lernt als sein Schatten“ – aber das Problem ist nicht Merz allein. Das Problem ist ein System, das Rückgrat bestraft und Duckmäuserei belohnt.
Es ist nicht okay, zuzuschauen, wenn Unrecht passiert. Das sage ich mir. Und ich weiß, dass ich selbst auch nur zuschaue – von meinem Schreibtisch aus, mit einem Glas Wein daneben. Aber ich sage es wenigstens.
Was ich mitnehme
Ich denke an den Moment auf der Air Force One. 15:38 Uhr. „Good luck.“
Irgendwo auf der Welt hat jemand in diesem Moment an seiner Zapfsäule gestanden und sich geärgert. Irgendwo hat eine Mutter ihr Kind ins Bett gebracht und sich gefragt, ob die Rechnungen nächsten Monat noch bezahlbar sind. Irgendwo hat ein Journalist seinen letzten Absatz geschrieben.
Und über ihnen allen, 10.000 Meter hoch, zwei Wörter.
Das ist nicht der Anfang einer Geschichte. Das ist die Mitte einer Geschichte, die schon lange läuft. Seit 30 Jahren Globalisierung. Seit 30 Jahren Wegducken. Seit 30 Jahren Friedensdividende kassieren und so tun, als wäre das für immer.
Netanyahu hat Trump verkauft, was Trump hören wollte. Trump hat geglaubt, was ihm nützte. Und Europa hat geschwiegen, weil es keine Wahl hatte, die ihm jemand gelassen hat.
Good luck, indeed.
Nachlese zu Lanz & Precht #240: „Hormuz – Die Welt am Abgrund.“ Alle Zitate aus dem Podcast. NYT-Recherche: Peter Baker und Susan Glasser.