Die Anmaßung.

Ich frage das öfter. Bei Abendessen, in Gesprächen, manchmal auch wenn es gar nicht passt: Haben wir uns im Westen nicht eine Arroganz zugelegt, die eigentlich niemandem zusteht?

Die Reaktion ist meistens dieselbe. Kurzes Zögern. Dann: „Ja, aber wir haben halt Demokratie, Menschenrechte, Wohlstand.“ Und wir sind ja ach so zivilisiert. Als ob das eine Antwort wäre. Als ob Errungenschaften Arroganz legitimieren.

Wir hinterfragen unser System nicht. Das habe ich vor ein paar Tagen geschrieben. Aber es ist schlimmer: Wir haben es zum Maßstab für alle anderen gemacht.

Der Export

Fünfhundert Jahre. So lange exportiert der Westen seine Ideen in den Rest der Welt. Erst mit Schiffen und Kanonen, dann mit Verträgen und Konditionen, heute mit Handelsabkommen und Demokratie-Indizes.

Die Botschaft war immer dieselbe: Wir wissen, wie es geht. Ihr nicht.

Wir haben Völkern, die seit Jahrtausenden funktionierende Gesellschaften hatten, erklärt, dass sie es falsch machen. Wir haben Grenzen gezogen, die Stammesgebiete zerschnitten. Sprachen verboten. Kinder in Internate gesteckt. Und das alles unter dem Banner der Zivilisation. Meistens im Namen des Herrn.

Das ist keine antike Geschichte. Kanadas letztes Residential School schloss 1996. Australiens Stolen Generations — die systematische Entnahme indigener Kinder aus ihren Familien — lief bis in die 1970er. In meiner Lebenszeit.

Der Maßstab

Freedom House bewertet jedes Jahr, welche Länder „frei“ sind. Die Kriterien basieren auf westlichen Vorstellungen von Freiheit. Gewaltenteilung, freie Presse, Wahlrecht. Alles vernünftig. Alles logisch. Alles — unsere Definition.

Bhutan misst Bruttonationalglück statt Bruttoinlandsprodukt. Das klingt für westliche Ohren naiv. Vielleicht sogar lächerlich. Aber Bhutan hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten Asiens, universelle Gesundheitsversorgung und kostenlose Bildung. Und die messen Erfolg daran, ob ihre Menschen zufrieden sind. Nicht daran, ob das BIP wächst.

Wir messen Entwicklung in Dollar. In Wachstum. In Infrastruktur. Und wenn ein Land all das nicht hat, nennen wir es „Entwicklungsland.“ Entwicklung — wohin? Zu uns? Als ob wir das Ziel wären.

Die Rechnung

Und dann die unbequeme Frage: Was hat unser Wohlstand gekostet?

Ich bin Datenmensch. Also habe ich nach Zahlen gesucht. Und die Zahlen sind — ich sage es ehrlich — schwer auszuhalten.

Als Kolumbus 1492 landete, lebten auf dem amerikanischen Kontinent etwa 60 Millionen Menschen. Hundertfünfzig Jahre später waren es noch fünf Millionen. Neunzig Prozent. Weg. Nicht nur durch Gewalt — Pocken, Masern und Grippe haben ganze Landstriche ausgelöscht, bevor der erste Soldat kam. Aber die Krankheiten kamen nicht allein. Sie kamen auf denselben Schiffen wie die Kanonen. Und was die Viren nicht geschafft haben, erledigten Zwangsarbeit, Hunger und Vertreibung. Die Trennung zwischen Krankheit und Gewalt ist akademisch — für die Toten macht sie keinen Unterschied.

Und dann die Bisons. Da gab es auch Millionen. Man hat sie wahllos und sinnlos abgeschossen — zum Spaß und weil man es konnte. Und weil man wusste: Wer den Bison tötet, tötet die Lebensgrundlage der Prärie-Indianer gleich mit.

Der transatlantische Sklavenhandel: 12,5 Millionen Menschen verschifft. 1,8 Millionen sind auf dem Weg gestorben. Die slavevoyages.org-Datenbank dokumentiert jede einzelne Fahrt. Das ist keine Schätzung. Das sind Logbücher.

Belgisch-Kongo unter Leopold II: etwa zehn Millionen Tote in zwanzig Jahren. Für Kautschuk. Wer die Quote nicht erfüllte, dem wurde die Hand abgehackt. Adam Hochschild hat das in „Schatten über dem Kongo“ aufgeschrieben — mit Fotos.

Deutschland in Namibia: Der Völkermord an den Herero und Nama, 1904 bis 1908. Achtzig Prozent der Herero ausgelöscht. Die Bundesregierung hat es 2021 offiziell als Völkermord anerkannt. Hundertzwanzig Jahre später. Immerhin.

Britisch-Indien: Allein die Hungersnöte unter britischer Verwaltung haben zwischen 12 und 29 Millionen Menschen getötet. Nicht weil es kein Essen gab. Sondern weil es exportiert wurde, während die Menschen verhungerten. Amartya Sen hat den Nobelpreis für genau diese Erkenntnis bekommen.

Der Westen hat seinen Lebensstandard nicht im Vakuum aufgebaut. Kolonialismus war kein Betriebsunfall. Er war das Geschäftsmodell. Und die Strukturen, die damals geschaffen wurden — Handelsrouten, Währungsabhängigkeiten, Schuldenzyklen — die laufen noch.

Eine Gesamtzahl gibt es nicht. Keine seriöse Quelle traut sich an eine Summe. Und genau das sagt auch etwas: Wir haben so gründlich zerstört, dass wir es nicht einmal mehr zählen können.

Und dann stehen wir da und wundern uns, warum manche Länder „nicht so weit“ sind. Als ob der Startpunkt für alle gleich gewesen wäre.

Der Spiegel

Ich bin Teil dieses Westens. Ich profitiere davon. Jeden Tag. Mein Lebensstandard, meine Sicherheit, meine Freiheit — alles gebaut auf einem System, das andere bezahlt haben. Ich weiß das zu schätzen. Wahrscheinlich ist es genau deshalb dieses ungute Gefühl. Das ist kein Schuldbekenntnis. Das ist eine Bestandsaufnahme.

Was mich stört, ist nicht der Wohlstand. Was mich stört, ist die Selbstverständlichkeit. Die Annahme, dass wir das verdient haben. Dass wir es besser wissen. Dass unsere Art zu leben die richtige ist und alle anderen Varianten bestenfalls Vorstufen.

Ich war noch nie in Bhutan. Ich war noch nie bei den Haudenosaunee. Ich kenne diese Kulturen nur aus Büchern und Dokumentationen. Aber ich kenne genug von meiner eigenen, um zu wissen: Wer glaubt, er hat die Antwort, hat meistens aufgehört, die Frage zu stellen.

Keine Lösung

Ich weiß nicht, wie man 500 Jahre Arroganz korrigiert. Ich weiß nicht mal, ob man es kann. Ich weiß nur, dass der erste Schritt wäre, aufzuhören so zu tun, als gäbe es sie nicht.

In Hüfingen habe ich die Frage gestellt und bekam nachdenkliche Blicke. Das ist mehr, als die meisten Gespräche über dieses Thema hergeben. Meistens kommt Abwehr. Oder Relativierung. Oder der Klassiker: „Dann geh doch nach Afrika.“

Als ob Kritik am System bedeutet, dass man es verlassen will. Als ob Hinterfragen Verrat wäre.

Neugier ist kein Verrat. Neugier ist das Gegenteil von Arroganz.

Quellen: Koch et al. „Earth system impacts of the European arrival and Great Dying in the Americas“ (Quaternary Science Reviews, 2019), Trans-Atlantic Slave Trade Database (slavevoyages.org), Adam Hochschild „King Leopold’s Ghost“ (1998), Jürgen Zimmerer / Deutsche Bundesregierung Anerkennung Völkermord (2021), Mike Davis „Late Victorian Holocausts“ (2001), Amartya Sen „Poverty and Famines“ (1981), Freedom House Methodik, Bhutan GNH Index, Truth and Reconciliation Commission of Canada, Australian Human Rights Commission „Bringing Them Home“ Report

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