Aufgewacht.

2024 habe ich die Daten meiner Stadt gesucht. Open Data, Verwaltungsdaten, irgendetwas Maschinenlesbares. Das Ergebnis war ein Datenstück mit dem Titel „Wie man seine Stadt schön träumt“ — und der Befund war eindeutig: Fürth hat nichts. Kein Portal, keine Datensätze, keine Strategie.

Jetzt, zwei Jahre später, habe ich nochmal nachgezählt. Nicht mehr nur Fürth gegen sich selbst — sondern Fürth gegen seine bayerischen Peers, gegen den Bund, gegen Europa. Mehr Quellen, härtere Zahlen, drei internationale Indizes.

Das Ergebnis: Nichts hat sich bewegt.

Das Portal, das keines ist

Fürth hat inzwischen ein ArcGIS-Portal. 19 Einträge. Klingt erstmal nach etwas.

11 davon sind Kartendienste vom Freistaat Bayern — Naturschutzgebiete, Überschwemmungsgebiete, Schulsprengel. Durchgereicht, nicht erstellt. Die restlichen 8 sind Verwaltungs-Geodaten — Adressen, Straßennamen, statistische Bezirke.

Kein Haushalt. Keine Bevölkerungsstatistik. Keine Verkehrsdaten. Keine Umweltmesswerte. Null echtes kommunales Open Data. Das Portal existiert. Der Inhalt nicht.

10 Kilometer

Nürnberg liegt 10 Kilometer entfernt. Im Bitkom Smart City Index: Platz 8. Bundesweit die Nummer 1 bei der Verwaltungsdigitalisierung. Fürth: Platz 57. Gleiche Region, gleicher Arbeitsmarkt, 49 Plätze Unterschied.

Regensburg hat 155.000 Einwohner — ähnlich wie Fürth. Platz 12. Open-Source-Dashboard, Digitaler Energie-Zwilling, 17 Millionen Euro Bundesförderung.

Moers hat 105.000 Einwohner — kleiner als Fürth. 470 echte Datensätze. Bevölkerung, Haushalt, Verkehr, Bußgelder, Musikschule. Zwei Mitarbeiter. 100.000 Euro im Jahr.

100.000 Euro bei einem Fürther Gesamthaushalt von 684 Millionen — das sind 0,015 Prozent. Ein Rundungsfehler.

Nie

Ich habe im SessionNet des Stadtrats gesucht. Digitalisierungsbeschluss von 2017 — 6,5 Stellen, 222.275 Euro Folgekosten. Seitdem hat Referat II einen Namenszusatz bekommen: „Digitalisierung“. Das war 2019.

Über Open Data hat der Stadtrat nie abgestimmt. Es gibt kein veröffentlichtes Strategiepapier. Fürth hat sich nie für die BMI-Modellprojekte Smart Cities beworben — 73 Städte bekamen 820 Millionen Euro. Fürth war nicht dabei. Nicht abgelehnt. Nicht beworben.

Von lokal zu systemisch

2024 konnte ich nur sagen: Fürth hat ein Problem. Jetzt kann ich sagen: Es ist ein Systemproblem — und Fürth ist das beste Beispiel dafür.

Deutschland liegt im EU Open Data Maturity Ranking im Cluster „Follower“ — zusammen mit Finnland und Schweden. Klingt nach guter Gesellschaft, ist aber eine Ohrfeige: Finnland und Schweden haben die Aktenöffentlichkeit 1766 erfunden. Das deutsche Gesetz kam 2017 — und gilt nur für den Bund. Keine Kommune muss irgendetwas öffnen.

Kroatien — 2024 noch im Beginner-Cluster — führt 2025 das Ranking an. Mit CDOs in jedem Ministerium und einer nationalen Open-Data-Koordination. Kroatien. Nicht Schweden. Nicht Deutschland. Kroatien.

Aber die Systemebene erklärt nicht alles. Denn innerhalb desselben Systems schaffen es Moers, Regensburg und Ingolstadt. Das Gesetz zwingt sie nicht. Sie tun es trotzdem. Fürth tut es nicht.

Wissenschaftsstadt

Der Titel steht seit 2007 auf dem Briefpapier. FAU-Campus, TH Nürnberg, Fraunhofer IIS — die Begründung ist da. Aber Wissenschaft lebt davon, dass man Daten teilt. Dass Ergebnisse überprüfbar sind. Dass Transparenz kein Risiko ist, sondern Grundlage.

Fürth hat den Titel. Aber nicht die Haltung.

Betroffene Randgruppe

Ich lebe in Fürth. Ich arbeite seit 25 Jahren mit Daten. Ich habe gerade ein Datenstück mit fünf Visualisierungen, drei internationalen Indizes und 50 Quellen über meine eigene Stadt gebaut — weil niemand sonst es tut.

Das ist keine Beschwerde. Das ist ein Angebot.

Fürth hat kein Technologieproblem. Es hat kein Geldproblem. Es hat ein Wollens-Problem. Und falls jemand im Rathaus das hier liest: Ich bin gesprächsbereit.

Alle Zahlen, Quellen und Vergleiche stehen im Datenstück #19: Platz 57.

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