Die Menschheit hat einen an der Waffel.

Ein Mann, 47 Jahre alt, gibt zwei Millionen Dollar im Jahr aus, um nicht zu sterben. Er schluckt fünfzig Pillen am Tag. Er geht um halb neun ins Bett. Er isst einmal, um elf Uhr. Er hat sich das Blutplasma seines eigenen Sohnes spritzen lassen. Er nennt sich „professioneller Verjüngungsathlet“.

Sein Name ist Bryan Johnson. Und er ist nicht verrückt. Er ist nur die logische Konsequenz einer Welt, die vergessen hat, dass Endlichkeit kein Fehler ist.

Lanz und Precht haben in Folge 239 über Schlaf gesprochen. Über Longevity. Über die Frage, ob ein gutes Leben oder ein langes Leben das bessere Ziel ist. Und wie so oft bei den beiden: Sie haben die Frage nicht beantwortet. Aber sie haben die richtigen Gedanken losgetreten.

Fünfzig Pillen und kein Kaiserschmarrn

Lanz bringt Bryan Johnson ins Spiel und fragt die einzig richtige Frage: „Wie hält man es mit so einem Menschen aus?“

Precht antwortet so, wie man es von ihm erwartet – nur besser: Wenn du alle Longevity-Regeln befolgst, kein Alkohol, kein Zucker, halb neun im Bett, einmal am Tag essen – dann bist du der langweiligste Mensch unter der Sonne. Und du demonstrierst allen um dich herum, dass dir das Wichtigste auf der Welt du selbst bist.

„Eins ist dir klar. Wenn du das über einen längeren Zeitraum machst, bist du der langweiligste Mensch unter der Sonne.“

Das sitzt. Nicht weil es gemein ist, sondern weil es stimmt. Ich kenne diese Leute. Du kennst diese Leute. Die, die beim Abendessen erklären, warum sie das nicht essen können. Die um neun gehen, weil der Schlaftracker sagt, es ist Zeit. Die dir erklären, dass dein Rotwein Gift ist – während du gerade einen schönen Abend hattest.

Precht bringt es auf den Punkt: Es gibt keinen Bereich innerhalb der Longevity-Bewegung, der nicht durch und durch vom Kapitalismus durchdrungen ist. Siebzehn Milliarden Euro schwer ist allein der Schlaftracker-Markt. Und Bryan Johnson ist kein Ausreißer – er ist das Aushängeschild.

Das Geschenk der Endlichkeit

Und hier wird es für mich persönlich. Ich trage ein Whoop am Handgelenk. Ich schaue auf meine Daten. Ich finde das faszinierend – als Nerd, der Technik liebt. Nicht als jemand, der den Tod besiegen will.

Aber ansonsten? Ich bin ein Dinosaurier. Ich rauche. Ich trinke. Alles in Maßen, und ich genieße mein Leben. Ich weiß, dass mich das wahrscheinlich keine 120 werden lässt. Das ist okay. Weil ich nicht 120 werden will, wenn der Preis dafür ist, ab morgen der langweiligste Mensch der Welt zu sein.

Yuval Noah Harari hat in „Homo Deus“ ein Gedankenexperiment gemacht, das mich nicht mehr loslässt: Was passiert, wenn wir 180 Jahre alt werden? Würdest du mit 40 noch heiraten, wenn „bis der Tod euch scheidet“ 140 Jahre bedeutet? Würdest du mit 25 einen Beruf wählen – für 155 Jahre? Würdest du überhaupt noch Risiken eingehen, wenn du so viel zu verlieren hast?

Hararis Antwort: Extreme Langlebigkeit würde die Menschheit nicht befreien. Sie würde sie lähmen. Die Angst vor dem Tod wird ersetzt durch die Angst, das Erreichte zu verlieren. Und wer alles verlieren kann, wagt nichts mehr.

Das ist der Kern: Die Endlichkeit ist kein Bug. Sie ist das Feature. Sie ist der Grund, warum wir Risiken eingehen, warum wir lieben, warum wir leben, statt nur zu existieren.

Wir werden nicht älter. Wir sterben nur weniger jung.

Und bevor jemand jetzt sagt „Aber die Lebenserwartung steigt doch!“ – ja. Aber nicht so, wie die meisten denken.

Hans Rosling hat in „Factfulness“ etwas gezeigt, das den ganzen Longevity-Hype in Perspektive setzt: Der Anstieg der Lebenserwartung von 35 auf über 70 Jahre kommt fast ausschließlich daher, dass weniger Menschen jung sterben. Weniger Kindersterblichkeit. Bessere Hygiene. Antibiotika. Impfungen. Die biologische Obergrenze hat sich kaum bewegt – die ältesten Menschen wurden vor hundert Jahren auch schon über neunzig.

Wir haben nicht das Altern besiegt. Wir haben das Sterben vor dem Altern reduziert. Das ist ein Unterschied. Ein gewaltiger.

Und jetzt will die Longevity-Bewegung den nächsten Schritt: Das Altern selbst angreifen. Mit Pillen, Plasma und Disziplin.

Es gibt ein deutsches Sprichwort, das ich immer öfter denke: „Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis.“ Longevity ist ein Eis-Phänomen. Ein Produkt des Friedens, des Wohlstands, der Langeweile. Im Iran sterben gerade Menschen. In der Ukraine sterben Menschen. Und wir diskutieren, ob acht Stunden Schlaf reichen oder ob es neuneinhalb sein müssen.

Und das Ganze kostet. Zwei Millionen im Jahr am oberen Ende. Aber selbst die Light-Version – die Supplements, die Tracker, die optimierte Ernährung – ist nichts für schmale Geldbeutel. Longevity ist ein Spiel für Reiche. Und vielleicht ist das auch gut so. Es begrenzt den Wahnsinn. Der Rest der Welt hat in der Zeit wenigstens Spaß.

Man spielt, um zu verlieren

Precht erzählt in der Folge eine Geschichte aus seinem Zivildienst, die mich berührt hat. Er hat eine Kirche ausgemalt, tagelang, auf Vanilletee und wenig Essen, in einem Rauschzustand, den er mit den Dichtern des 19. Jahrhunderts vergleicht. Und dabei hat er im Radio einen Roman gehört: „So lebt der Mensch“ von André Malraux. Über den Indochina-Krieg. Über Existenzialismus.

Und dann sagt er einen Satz, der hängenbleibt:

„Man spielt, um zu verlieren.“

Nicht weil Verlieren das Ziel ist. Sondern weil das Verlieren die Erfahrung ist, die dich formt. Im Verlieren spürst du dich als ganzen Menschen. Im Gewinnen bist du kurz berauscht und dann ist es vorbei. Die Niederlagen machen dich zu dem, der du bist.

Und dann verknüpft Lanz das mit der Generation Z: einer Generation, die von Rasenmäher-Eltern großgezogen wurde. Die jedes Risiko minimiert hat. Und die jetzt Longevity entdeckt – als logische Fortsetzung eines Lebens, in dem nichts schiefgehen darf.

Rousseau hat das vor 250 Jahren schon gewusst: „Nicht die am ältesten werden, haben am meisten gelebt, sondern die, die am meisten gefühlt haben.“

Was ich mitnehme

Precht hat am Ende der Folge ein Bild benutzt, das hängenbleibt: Dein Ich besteht aus sieben oder acht Instrumenten – Körper-Ich, autobiografisches Ich, moralisches Ich. Zusammen ergeben sie eine Melodie. Und beim Einschlafen werden sie langsam leiser, eins nach dem anderen, bis es still ist. Wie HAL 9000, der runterfährt.

Und dann sagt er: Die wichtigsten Erfahrungen des Lebens – Liebe und Tod – kannst du nur erleben, nicht erklären. Das ist das Gegenprogramm zu Bryan Johnson. Der will den Tod in Daten auflösen. Aber der Tod lässt sich nicht in Daten auflösen. Genau wie die Liebe.

Kant hat gesagt, Langlebigkeit hängt davon ab, wie lange du an Dingen Spaß hast. Such dir ein Hobby. Pflege es. Freue dich auf den nächsten Tag. Das ist seine Longevity-Formel – von 1798. Ohne Pillen, ohne Tracker, ohne Blutplasma.

Lanz schließt die Folge mit einem Zitat von Roger Willemsen:

„Man kann das Leben nicht verlängern, man kann es nur verdichten.“

Willemsen wurde 60. Er hat mehr gelebt als die meisten, die 90 werden. Er war heiter – und Lanz sagt, als hätte er geahnt, dass es nicht so lang sein würde.

Ich werde im September 55. Ich weiß nicht, wie lang ich noch habe. Niemand weiß das.

Mein Vater war Jahrgang 1928. Ein kleiner, zäher Mann, der mehr durchgestanden hat, als man in einem Leben muss. Er starb vor Jahren, zuhause, friedlich.

Wenn er heute noch leben würde – 98 – in einer Welt mit Trump, mit Kriegen, mit einer Gesellschaft, die er nicht wiedererkennen würde: Ich glaube, er würde sich fragen, wofür er das alles durchgestanden hat. Dafür habe ich gekämpft, gelitten und gearbeitet?

Und das ist vielleicht der Gedanke, den die Longevity-Bewegung am konsequentesten ausblendet: Endlichkeit ist nicht nur ein Geschenk, weil sie das Leben verdichtet. Sie ist auch ein Schutz. Vor zu viel Schmerz. Vor zu viel Erkenntnis. Und vor der Einsamkeit, die kommt, wenn alle um dich herum gegangen sind und du zurückbleibst. Im besten Fall – oder im schlimmsten, je nachdem wie man es sieht – ziemlich lange.

Aber Socke weiß es. Irgendwann. Socke ist mein Borderdackel – oder besser: Ich bin ihr Kahu. Das ist hawaiianisch und bedeutet Hüter, Wächter. Nicht Besitzer. Jemand, dem etwas Kostbares anvertraut ist. Finde ich schöner.

Sie wird vielleicht zwölf, vielleicht vierzehn. Sie optimiert nichts. Sie trackt nichts. Sie lebt jeden Spaziergang, als wäre es der erste. Jeden Keks, als wäre es der letzte. Und wenn es eines Tages so weit ist, wird sie es spüren, bevor wir es wissen. Hunde ziehen sich zurück. Sie suchen sich einen ruhigen Platz. Sie kämpfen nicht gegen das Ende – sie nehmen es an. Und man sagt, dass Hunde ihre Menschen am Ende sehr lange ansehen. Um sich das Bild einzuprägen und es mitzunehmen.

Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich finde den Gedanken schön. Und ich finde, er sagt mehr über ein gutes Leben als fünfzig Pillen am Tag.

Ich sehe das Leben wie ein Buch. Am Anfang sind da viele leere Seiten, und wir füllen sie mit Geschichten. Gute Geschichten sind spannend, fesselnd, schön, anrührend, manchmal traurig. Aber niemand will ein Buch lesen, in dem steht: Ich habe jede Menge Tabletten gefressen, unfassbar viel geschlafen und bin alt geworden. Spaß hatte ich leider nicht.

Das wird kein Bestseller. Und kein gutes Leben.


Nachlese zu Lanz & Precht #239: „Longevity: Ein gutes oder lieber ein langes Leben?“ Alle Zitate aus dem Podcast, Harari aus „Homo Deus“, Rosling aus „Factfulness“.

Buchtipps

Yuval Noah Harari: „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ – Was passiert, wenn der Mensch den Tod besiegt? Harari denkt das zu Ende – und es ist nicht schön. Eines der Bücher, die mein Denken verändert haben.

Hans Rosling: „Factfulness“ – Zehn Gründe, warum wir die Welt falsch sehen. Rosling zerlegt unsere Annahmen mit Daten – auch die über Lebenserwartung. Sollte Pflichtlektüre sein.

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