Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text schreiben soll.
Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe – sondern weil ich mir nicht sicher war, ob alles, was mich dieses Jahr unter Spannung gesetzt hat, auch nach außen gehört.
Ich schreibe ihn trotzdem, weil genau diese Spannung ein zentrales Thema dieses Jahres war.
2025 war ein Jahr voller Reibung, offener Fragen und ungelöster Dinge.
Ein Jahr, in dem ich oft versucht war, Spannung aufzulösen – und gelernt habe, dass genau das nicht immer meine Aufgabe ist.
Anfang des Jahres – Anspruch trifft Realität
Zu Beginn des Jahres war mein Anspruch klar: saubere Arbeit, klare Entscheidungen, verlässliche Zusammenarbeit.
Ich bin mit der Erwartung gestartet, dass dieser Anspruch zumindest anschlussfähig ist – vielleicht nicht überall geteilt, aber nachvollziehbar.
Relativ früh wurde deutlich, dass das nicht immer der Fall war.
Strukturen blieben unklar, Prioritäten verschoben sich, Entscheidungen wurden vorbereitet, aber nicht getroffen.
Ich habe viel Energie investiert, um Dinge zusammenzuhalten: fachlich, kommunikativ, menschlich.
Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich überzeugt war, dass gute Arbeit genau das braucht.
Meine Ableitung daraus:
Ich übernehme Verantwortung schnell, sobald ich sehe, dass sie liegt.
Was ich unterschätzt habe: Verantwortung ohne Mandat führt langfristig nicht zu Wirkung, sondern zu Ermüdung.
Mein eigener Anspruch ist kein Garant dafür, dass ein System tragfähig funktioniert.
Mitte des Jahres – Reibung und Selbstbeobachtung
Mit der Zeit wurde aus anfänglicher Motivation eine konstante Reibung.
Nicht laut, nicht eskalierend – eher leise, aber dauerhaft.
Ich habe angefangen, mich selbst genauer zu beobachten:
Warum erkläre ich bestimmte Dinge immer wieder?
Warum fühle ich mich für Themen verantwortlich, die formal nicht bei mir liegen?
Und warum fällt es mir schwer, Dinge bewusst liegen zu lassen?
In dieser Phase wurde mir klar, dass Anpassung einen Preis hat.
Nicht sofort – aber schleichend.
Meine Ableitung daraus:
Ich kann vieles verstehen, ohne es mittragen zu müssen.
Nicht jede Unschärfe ist meine Baustelle, nur weil ich sie erkenne.
Und nicht jede Lücke ist automatisch mein Auftrag.
Aktionismus – konkret betrachtet
Wenn ich von Aktionismus spreche, meine ich keine Hektik.
Ich meine sehr konkrete Situationen, die sich über das Jahr wiederholt haben.
Zum Beispiel Momente, in denen Entscheidungen inhaltlich vorbereitet waren – durchdacht, sauber, nachvollziehbar –
aber dann liegen geblieben sind.
Nicht aus Ablehnung, sondern aus Unentschlossenheit oder Prioritätsverschiebung.
Mein Reflex war oft: nachschärfen, erklären, Alternativen formulieren, Risiken einordnen.
In der Hoffnung, dass Klarheit automatisch zu Entscheidung führt.
Meine Ableitung daraus:
Klarheit ist notwendig, aber nicht hinreichend.
Wenn Entscheidungskraft fehlt, ersetzt auch die beste Erklärung keine Führung.
Eine andere typische Situation:
Themen, die formal nicht bei mir lagen, aber faktisch bei mir landeten,
weil ich sie verstanden habe – oder weil ich gesehen habe, wo es hakt.
Ich habe Strukturen gebaut, Übergänge moderiert, Zusammenhänge erklärt.
Oft mit dem Ergebnis, dass es kurzfristig lief –
aber langfristig unklar blieb, wer eigentlich verantwortlich ist.
Meine Ableitung daraus:
Wenn ich Verantwortung übernehme, ohne dass sie klar verankert ist,
entsteht Funktion – aber keine Struktur.
Und Funktion ohne Struktur ist nicht nachhaltig.
Und dann gab es Situationen, in denen ich merkte:
Ich erkläre nicht mehr, um Verständnis zu schaffen,
sondern um Stillstand zu überbrücken.
Das war für mich ein wichtiger Marker.
Denn erklären kann verbinden –
aber es kann auch verzögern, was eigentlich entschieden werden müsste.
Meine Ableitung daraus:
Weniger erklären heißt nicht, weniger beitragen.
Manchmal heißt es, den Raum für Entscheidung bewusst offen zu lassen –
auch wenn das kurzfristig unangenehm ist.
Spätes Jahr – Wahrnehmung statt Beruhigung
Gegen Ende des Jahres wurde ich nicht ruhiger.
Ich war weiterhin stark eingebunden, habe viele Themen getragen und mich oft getrieben gefühlt.
Der Unterschied lag woanders.
Ich habe klarer wahrgenommen, dass ich mich treibe – und was das mit mir macht.
Ich habe begonnen, mein eigenes Verhalten bewusster zu beobachten:
Wann ziehe ich Themen an mich, obwohl sie strukturell nicht bei mir liegen?
Wann gehe ich in Bewegung, weil etwas ungelöst ist – nicht, weil ich dafür verantwortlich bin?
Manches habe ich weiterhin übernommen.
Aber nicht mehr blind.
Meine Ableitung daraus:
Ich habe nicht weniger getragen – aber ich habe es bewusster getan.
Das hat mich nicht entlastet, aber es hat mir Klarheit gegeben.
Und Klarheit ist die Voraussetzung dafür, Grenzen überhaupt ziehen zu können.
Was sich über das Jahr verändert hat
Ich bin nicht grundsätzlich gelassener geworden.
Aber ich bin präziser.
Ich unterscheide klarer zwischen Verantwortung und Zuständigkeit.
Ich erkläre weniger und beobachte mehr.
Ich halte Spannungen eher aus, statt sie vorschnell auflösen zu wollen.
Vor allem höre ich mir selbst früher zu.
Nicht erst dann, wenn Frust entsteht, sondern schon bei leiser Irritation.
Meine zentrale Ableitung:
Klarheit entsteht nicht durch mehr Einsatz,
sondern durch bewusstere Entscheidungen darüber, wofür ich stehe – und wofür nicht.
Wo ich jetzt stehe
Ich gehe nicht mit einem Maßnahmenkatalog ins nächste Jahr.
Aber mit einer ruhigeren inneren Haltung.
Ich weiß besser,
_welche Art von Arbeit mir entspricht,
_welche Formen von Zusammenarbeit für mich tragfähig sind,
_und wo meine Grenze verläuft, ohne dass ich sie rechtfertigen muss.
Vielleicht ist das kein spektakuläres Ergebnis.
Aber ein solides.
