Von wunderbaren Mächten.

Manche Lieder sucht man sich nicht aus. Sie werden einem zugewiesen. Irgendwann, irgendwo, ohne dass man sich dagegen wehren kann.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ war das Lied auf der Beerdigung meines Vaters. Meine Mutter hat es ausgesucht. Ich weiß nicht mehr, ob ich zugehört habe. Ich weiß nur, dass es geblieben ist.

Am Klavier

Jahre später. Abends, nach der Arbeit, den Kopf voll. Ich sitze am Klavier und klimper vor mich hin. Nichts Bestimmtes. Kein Plan, kein Stück, kein Ziel. Und irgendwann merke ich, dass meine Finger etwas spielen, das ich nicht bewusst gewählt habe.

Von guten Mächten.

Nicht als Kirchenlied. Nicht als Choral. Einfach so, wie es gerade aus mir rauswill. Langsam, tastend, unbewusst. Ich habe es aufgenommen. Und dann vergessen.

Gereift

Erst viel später habe ich die Aufnahme wiederentdeckt. Älter mittlerweile. Vieles verarbeitet, manches nicht. Und trotzdem — oder gerade deshalb — hat mich dieses schlichte Klavier-Ding berührt. Weil es ehrlich war. Weil es nicht versucht hat, etwas zu sein.

Aus der einen Aufnahme wurden drei Versionen:

Die erste ist das, was sie immer war — Klavier, still, privat. Intim. Aber auch begrenzt. Ich höre im Kopf mehr, als meine Finger spielen können. Das war schon immer so.

Von wunderbaren Mächten — Klavier

Die zweite hat Oboe, Klavier und Harfe. So war es in meinem Kopf. Aber ich kann nur Gitarre und Klavier — der Kopf kennt keine Grenzen, die Hände schon. Und dann kam KI. Und plötzlich waren die Grenzen nicht mehr da. Welch ein Geschenk für Menschen wie mich.

Von wunderbaren Mächten — Oboe, Klavier, Harfe

Und dann die dritte. Mit Text. Auf Deutsch — was untypisch für mich ist. Aber dieses Stück musste deutsch sein. Weil Bonhoeffer deutsch war. Weil mein Vater deutsch war. Weil manche Dinge nur in der Sprache funktionieren, in der man trauert.

Von wunderbaren Mächten — Vocals

Die Worte

Bonhoeffer hat den Originaltext 1944 in einer Gestapo-Zelle geschrieben. An seine Verlobte. Er wusste, dass er sterben würde. Und er hat trotzdem Hoffnung aufgeschrieben. Nicht weil er naiv war — sondern weil er es konnte.

Achtzig Jahre später sitze ich in Fürth und lese Schlagzeilen, die sich heiser schreien. Algorithmen, die Wut belohnen. Feeds, die mir sagen, was ich fühlen soll. Eine Welt, die sich anfühlt, als würde sie täglich ein Stück mehr zerfallen.

Und dann denke ich an einen Mann in einer Zelle, ohne Licht, mit Ketten an den Händen. Der trotzdem schreiben konnte: Von guten Mächten wunderbar geborgen.

Also habe ich versucht, sein Gefühl — und auch meine Gefühle — in zeitgemäße Worte zu packen. Nicht um das Original zu verbessern — das wäre anmaßend. Sondern um zu verstehen, ob das, was er fühlte, heute noch trägt.

Ich glaube, es tut es.

Text: Von wunderbaren Mächten

Die Schlagzeilen schreien sich heiser
Die Welt zerbricht im Liveticker
Wir scrollen durch den nächsten Krieg
Und keiner weiß mehr, wem er glaubt

Die Mauern wachsen, links wie rechts

Wir teilen Wut statt Brot zu teilen
Wir reden laut und hören nichts
Die Angst regiert, der Hass gewinnt Likes
Und Wahrheit stirbt im Algorithmus

Doch einer schrieb in dunkler Nacht
In einer Zelle, ohne Licht
Mit Ketten an den Händen fand er
Die Worte, die uns heute fehlen

Von Mächten wunderbar getragen
Geborgen, wenn die Welt zerfällt

Nicht blind, nicht taub, nicht weggedreht
Er sah die Dunkelheit genau
Und hat trotzdem daran geglaubt
Dass Stille stärker ist als Lärm
Dass Güte bleibt

Wenn alles bricht
Wenn jeder schreit, wer Recht behält
Wenn Feeds uns sagen, was wir fühlen
Wenn Meinungen wie Bomben fallen

Dann halt ich an und halt mich fest
An Worten, achtzig Jahre alt
Geschrieben in der dunkelsten Nacht
Von einem, der den Morgen nicht mehr sah
Und trotzdem hoffte, dass er kommt

Von Mächten, wunderbar und still
Getragen, auch wenn nichts mehr hält

Ich sitze gerade da und mir laufen die Tränen runter. Über meinen eigenen Song. Mit meinen eigenen Worten. Mit Instrumenten, die ich nicht spielen kann. Mit einer Stimme, die meiner sehr nahe kommt, aber nicht die meine ist.

Vor ein paar Tagen habe ich über den Homo Idioticus geschrieben. Über die Angst, dass wir einer Spezies, die Social Media nicht überlebt hat, das mächtigste Werkzeug der Geschichte in die Hand geben.

Und jetzt sitze ich hier. Und dasselbe Werkzeug hat mir geholfen, etwas auszudrücken, das seit Jahren in mir steckt.

KI ist nicht böse. Es ist das, was wir daraus machen. Wofür wir es nutzen.

Kurz und knapp: Eine persönliche Neuinterpretation von Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ — geschrieben 1944 in einer Gestapo-Zelle. Drei Versionen desselben Stücks: Klavier solo (die Erinnerung), Oboe/Klavier/Harfe mit KI-Arrangement (die Verarbeitung) und eine Vocal-Version mit neuem, zeitgenössischem Text (die Aussage). Der Liedtext überträgt Bonhoeffers Hoffnung in die Gegenwart von Algorithmen, Doom-Scrolling und polarisierten Feeds.

Quellen: Dietrich Bonhoeffer, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ (1944). Musikproduktion mit Suno.

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