Machen und hoffen

Ich bin kein Volkswirt. Ich habe keine Partei, keinen Lehrstuhl, kein Mandat. Aber ich kann lesen. Und ich kann vergleichen. Und was ich sehe, macht mich fassungslos.

Deutschland hat bei seinen größten Problemen keinen Plan. Wir machen und hoffen. Bei der Rente — und, ja, auch im Gesundheitssystem. Seit Jahrzehnten. Und während wir Pflaster auf Pflaster kleben, machen unsere Nachbarn einfach vor, wie es geht.

Wir schauen nur nicht hin.

Ich wollte verstehen, warum. Also habe ich nachgeschaut.

Fangen wir bei der Rente an. 25 bis 29 Prozent des Bundeshaushalts gehen in die gesetzliche Rentenversicherung. Jeder vierte Euro. Das ist der größte Einzelposten. Größer als Verteidigung, Bildung und Infrastruktur zusammen. Und trotzdem reicht es nicht. Das Rentenniveau liegt bei 48 Prozent — vor Steuern. Ein Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren bekommt also weniger als die Hälfte dessen, was er verdient hat. Tendenz: fallend.

Die Jungen sagen: Ich zahle für euch, aber für mich wird nichts übrig sein. Nur 15 bis 20 Prozent der unter 35-Jährigen glauben noch daran, eine ausreichende Rente zu bekommen. Die Alten sagen: Dafür habe ich mein Leben lang gearbeitet, und es reicht trotzdem nicht. Knapp jeder fünfte über 65 lebt unter der Armutsrisikoschwelle. 60 Prozent der Berechtigten beantragen nicht mal Grundsicherung — aus Scham, Unwissenheit oder weil die Bürokratie sie abschreckt.

Zwei Lager. Beide wütend. Beide haben recht. Und beide werden gegeneinander ausgespielt, anstatt dass jemand das eigentliche Problem löst.

Das Problem ist: Es gibt keinen Kapitalstock. Deutschland betreibt ein reines Umlageverfahren — die heutigen Beitragszahler finanzieren die heutigen Rentner. Kein Fonds. Keine Rendite. Kein Puffer. 1962 kamen auf einen Rentner sechs Beitragszahler. Heute sind es zwei. Bis 2040 werden es 1,3 sein. Die Rechnung geht nicht auf. Sie kann nicht aufgehen.

Und was haben wir dagegen getan? Pflaster geklebt.

2001: Riester-Rente. Sollte die Lücke schließen. 20 Millionen Verträge. Ergebnis: Über fünf Millionen gekündigt. 1,8 Milliarden Euro Steuergelder flossen an Versicherungskonzerne — als Provisionen. Selbst Bert Rürup, einer der Architekten, nennt Riester heute „gescheitert“. Zu teuer, zu kompliziert, zu intransparent. Ein Goldesel — aber für die Versicherungswirtschaft, nicht für die Versicherten. Irgendwie so typisch deutsch.

2005: Rürup-Rente. Für Selbstständige. Ähnliches Ergebnis: hohe Kosten, niedrige Renditen. Reiner Aktionismus.

2014: Rente mit 63. Kurzfristiger Wählergewinn, langfristiger Schaden. Kostet 10 bis 12 Milliarden Euro. Pro Jahr. Von Ökonomen fast einhellig als kontraproduktiv bewertet. Aber die Babyboomer sind die größte Wählergruppe. Precht nennt es sinngemäß Klientelpolitik. Und ich stimme ihm voll und ganz zu.

2024: Rentenpaket II und Generationenkapital — ein Miniatur-Staatsfonds mit 15 Milliarden Euro Startkapital. Sollte die Rente ab 2037 stabilisieren. Gestorben mit der Ampelkoalition. Sie ruhe in Frieden. War aber irgendwie eine gute Idee.

März 2026: Der Bundestag beschließt ein Altersvorsorgedepot. ETF-Sparen statt Riester. Ab 2027. Also: 25 Jahre nach dem ersten Pflaster fangen wir von vorne an. Im Ernst, Deutschland — was ist los mit Dir?

Aber ich mäßige mich jetzt, fahre in gebotenem Ernst fort und fasse zusammen: Ein Vierteljahrhundert Reformen, jede gescheitert oder verwässert. Und niemand hat in dieser Zeit mal über den Zaun geschaut.

Der Blick nach Norden

Dabei hätte ein Blick nach Norden gereicht.

Norwegen hat einen Staatsfonds. 1,7 Billionen Euro. Aufgebaut mit Öleinnahmen, ja — aber das Prinzip ist übertragbar: Du nimmst Einnahmen, investierst sie langfristig und lebst von der Rendite. 6,3 Prozent durchschnittlich pro Jahr seit 1998. Pro Kopf hat Norwegen 310.000 Euro im Fonds. Deutschland hat pro Kopf 180 Euro im Generationenkapital. In Worten: Einhundertachtzig.

Schweden hat 1999 sein Rentensystem umgebaut. Jeder Schwede bekommt jedes Jahr einen orangefarbenen Umschlag mit einer Übersicht: Was hast du eingezahlt, was bekommst du raus — bei Rente mit 65, 67 oder 70. Transparenz. In Deutschland? Naja, um fair zu bleiben: Man bekommt auch regelmäßig Post, und da steht auch was drin. Aber das meiste davon liest sich wie eine Glaskugel — nicht wirklich verlässlich. Und ich bin ehrlich: Es kommt wie es kommt. Was will man denn machen. Zukunftsangst kann man auch per Brief schicken.

Und wenn das schwedische System ins Ungleichgewicht gerät, greift ein automatischer Bremsmechanismus. Keine politische Debatte, kein Wahlkampf-Hickhack. Das System korrigiert sich selbst. In Deutschland scheitert jede Anpassung am nächsten Wahltermin.

Dänemark hat das Rentenalter gesetzlich an die Lebenserwartung gekoppelt. Automatisch. Seit 2006. Kein Politiker muss sich alle vier Jahre hinstellen und „Rente mit 70″ fordern und dann die Wahl verlieren. Die betriebliche Altersvorsorge ist verpflichtend: 12 bis 17 Prozent des Gehalts, kapitalgedeckt. Pro Kopf: 110.000 Euro Pensionsvermögen. Dänemark hat kein Öl. Dänemark hat einen Plan.

Und wir? Statt nach Norden zu schauen, schielen wir in Richtung USA. Echt jetzt. Ein Land, in dem Menschen an behandelbaren Krankheiten sterben, weil sie die Rechnung nicht bezahlen können. In dem ein Krankenhausaufenthalt den Bankrott bedeuten kann. In dem 40 Prozent der Erwachsenen keine 400 Dollar für einen Notfall haben. Land of the Free.

Und wo wir schon beim Gesundheitssystem sind

In Norwegen können Patienten seit 2018 direkt zum Physiotherapeuten gehen. Ohne Überweisung, ohne Hausarzt-Umweg. Der Physio schaut: Kann ich helfen? Ja — dann los. Nein — dann überweist er an den richtigen Facharzt. Das Ergebnis: 10 Prozent weniger Hausarztbelastung. Keine Kostensteigerung. Sogar weniger Rücken-OPs. In Deutschland brauchst du ein Rezept vom Arzt, auf den du sechs Wochen wartest, für einen Physiotherapeuten, auf den du nochmal wartest.

Und dann die Keime. Multiresistente Erreger in Krankenhäusern. Norwegen und die Niederlande haben das Problem vor Jahrzehnten gelöst — mit dem „Search and Destroy“-Protokoll. Jeder Patient wird bei Aufnahme gescreent. Verdachtsfälle sofort isoliert. Konsequent. Die MRSA-Rate liegt dort unter 2 Prozent. In Deutschland bei 7 Prozent. Bis zu 20.000 Menschen sterben hier jedes Jahr an Krankenhauskeimen. Zwanzigtausend. Und nur 5 Prozent unserer Krankenhäuser haben einen dedizierten Hygienearzt. In den Niederlanden hat jedes Krankenhaus einen.

Das sind keine Geheimnisse. Das sind veröffentlichte Daten. Das sind funktionierende Systeme in Ländern, die ein paar Flugstunden entfernt sind. Wir müssen das Rad nicht erfinden. Es dreht sich schon — bei den Nachbarn.

Und das ist es, was mich so fassungslos macht. Nicht, dass die Probleme existieren. Sondern dass die Lösungen existieren — und wir sie ignorieren. Seit Jahrzehnten.

Ist das Arroganz? Ist das Bürokratie? Ist das typisch deutsch — dieses Bedürfnis, alles selbst und von Grund auf zu machen, auch wenn es nachweislich anderswo funktioniert?

Oder ist es Kalkül? Precht fragt das zu Recht: Wenn die Babyboomer die größte Wählergruppe sind und in vier Jahren wieder gewählt wird — warum sollte ein Politiker ein System reformieren, von dem die größte Wählergruppe gerade profitiert?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir uns das nicht leisten können. Nicht als Gesellschaft. Nicht als Land. Nicht als Generation, die ihren Kindern irgendwann erklären muss, warum 180 Euro pro Kopf im Fonds liegen, während es in Dänemark 110.000 sind.

Machen und hoffen. Seit 25 Jahren. Und ich fürchte, die Hoffnung stirbt gerade.

Kurz und knapp: Deutschlands Renten- und Gesundheitssystem steckt seit Jahrzehnten im Reformstau. Norwegen, Schweden und Dänemark zeigen mit kapitalgedeckten Fonds, automatischen Stabilisatoren und direktem Zugang zur Physiotherapie, dass es funktioniert. Deutschland hat pro Kopf 180 Euro im Generationenkapital — Norwegen 310.000. Die Riester-Rente ist nach 25 Jahren und 5 Millionen Kündigungen offiziell gescheitert. Laut RKI und ECDC sterben in Deutschland bis zu 20.000 Menschen jährlich an Krankenhauskeimen, die Skandinavien längst unter Kontrolle hat.

Quellen: Bundeshaushalt 2024, Deutsche Rentenversicherung, Norges Bank (NBIM), schwedische Pensionsmyndigheten, ECDC/RKI (MRSA-Daten), Finanztip (Riester-Bilanz), Bundestag.de (Altersvorsorgedepot März 2026), PMC-Studie Physiotherapie Norwegen 2024

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