Zwei Stühle, ein Podcast
Jeden Freitag eine neue Folge. Ich höre fast alle. Manchmal nicke ich. Manchmal rede ich laut dagegen. Manchmal beides gleichzeitig. Lanz & Precht ist der Podcast, bei dem ich am meisten fühle — und das ist nicht immer angenehm.
Markus, du hast das nicht nötig
Markus Lanz ist kein Dummer. Ganz im Gegenteil. Ein Naturbursche aus Südtirol, der es vom Kleinstadtjungen zum bekanntesten Talkmaster des Landes gebracht hat. Respekt. Ehrlich. Das muss man erstmal schaffen, und er macht seinen Job gut. Oft sogar sehr gut.
Aber dann kommt es. Kennste den? Hatte ich letztens in der Sendung. Grüße gehen raus an …
Und ich denke mir jedes Mal: Markus, du hast das nicht nötig. Du sitzt da, du hast die Plattform, die Reichweite, die Kontakte. Warum dieses permanente Name-Dropping? Warum dieses Sich-selbst-Verorten über andere? Es wirkt wie ein Reflex — und es nervt. Mich jedenfalls. Ziemlich.
Und dann ist da noch etwas, das mich stört: Ich habe oft das Gefühl, dass Lanz‘ Meinung mit der Mehrheitsmeinung geht. Nicht immer, aber auffällig oft. Er sucht den Konsens, den Applaus, die Zustimmung. Das ist Populismus im Podcast-Format. Und er hat es nicht nötig. Er hat die Bühne, er hat den Kopf — er könnte sich mehr trauen. Aber er wählt die sichere Seite.
Ich erzähle auch gerne. Ich schweife auch ab. Ich bin da kein Unschuldslamm. Aber ich versuche wenigstens, meine eigene Meinung zu haben — auch wenn sie unbequem ist. Und genau das vermisse ich manchmal bei Lanz.
Precht — der Mann, mit dem ich wandern gehen würde
Und dann sitzt da Precht. Richard David Precht. Philosoph, Querdenker im besten Sinne, Reizfigur für viele. Und für mich: jemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde.
Was mich an Precht fasziniert, ist seine Klarheit. Er sagt Dinge, die nicht jeder hören will. Er ordnet ein, er provoziert, er denkt weiter als die Tagesschlagzeile. Und er hat eine Art von Pragmatismus, die ich nachvollziehen kann. Er ist kein Elfenbeinturm-Philosoph. Er ist einer, der denkt und dann sagt, was er denkt. Auch wenn’s wehtut.
Ich bin kein flammender Prechtianer. Aber ich habe jede Menge Bücher von ihm gelesen — und alle waren irgendwie bildend und inspirierend. Er stiftet an, genauer hinzusehen. Tiefer zu bohren. Nicht die erste Antwort zu akzeptieren.
Eine Empfehlung, die ich ständig ausspreche — gerade an Lehrer in meinem Bekanntenkreis: Anna, die Schule und der liebe Gott. Wer dieses Buch liest und danach immer noch glaubt, unser Schulsystem sei im Kern in Ordnung, dem ist nicht zu helfen. Es ist erleichternd, inspirierend und eines der Bücher, die ich am häufigsten verschenke. Dazu liegt übrigens schon eine Nachlese in der Schublade — das Buch hat mich zu sehr beschäftigt, um es bei einer Empfehlung zu belassen.
Und dann gibt es diese Momente im Podcast, wo Precht von der Natur erzählt. Von Tieren. Von Greifvögeln. Er ist seit der Kindheit verrückt nach ihnen — wollte Zoodirektor werden, konnte die Greifvogel-Systematik auswendig, saß tagelang vor dem Greifvogelgehege im Berliner Tierpark. Er hat in Afrika Savannen durchstreift, um Adler zu beobachten. Und irgendwann erzählte er in einer Folge, wie er in Frankreich auf einen Berg gestiegen ist, um Geier zu beobachten. Bartgeier, in den Pyrenäen — wo sie gerade wieder angesiedelt werden.
Und da dachte ich: Mit dem würde ich wandern gehen. Nicht wegen der Philosophie. Sondern weil jemand, der stundenlang auf einem Berg sitzt und Bartgeier beobachtet, die richtige Art von Geduld hat. Die richtige Art von Neugier. Die Art, die nicht nach Ergebnis fragt, sondern nach Erkenntnis.
Die Pausentaste und der Hausfrieden
Ich muss euch was gestehen. Wenn Helga und ich unterwegs sind — im Auto, beim Spaziergang — dann läuft oft Lanz & Precht. Und dann passiert es: Einer von beiden sagt etwas, und ich drücke auf Pause. Und dann tue ich meine Meinung kund. Ausführlich. Leidenschaftlich. Mit Nachdruck.
Helga hält das eine Weile aus. Dann verdreht sie die Augen. Nicht wegen meiner Meinung — sondern weil ich schon wieder den Podcast pausiert habe und wir nie erfahren, wie die Folge ausgeht.
Irgendwann habe ich angefangen, Lanz & Precht alleine zu hören. Im Stillen. Und meine Gedanken stattdessen aufzuschreiben. So sind die Nachlesen entstanden — als psychohygienisches Ventil. Wer lesen will, wie das dann aussieht: Nicht fauler. Führungsloser. war die erste. Was vorher Helgas Problem war, ist jetzt eures. Ihr könnt wenigstens wegklicken. Helga konnte das nicht.
Warum beides zusammen funktioniert
Das Verrückte ist: Genau diese Spannung macht den Podcast gut. Lanz provoziert, Precht denkt. Lanz sucht den Konsens, Precht sucht die Wahrheit. Lanz erzählt, wen er kennt, Precht erzählt, was er gelesen hat. Es ist ein Tanz — und manchmal ein Ringen.
Und ich? Ich sitze auf Usedom, habe eine Erkältung, einen Tee in der Hand und Socke auf dem Schoß. Und höre zwei Männern zu, die sich mögen und trotzdem nicht einig sind. Und schreibe danach auf, was ich denke.
Weil Helga ihre Ruhe verdient hat — irgendwie.