Fünf Kilometer langsamer

Ein Freund hat heute seine Mutter verloren. Ich weiß aus Erzählungen, dass es kein einfaches Verhältnis war. Und trotzdem — oder gerade deshalb — geht sowas deep.

Ich habe mein Beileid bekundet. Aufrichtig. Aber ich weiß auch, dass in solchen Momenten manchmal der Abstand zur Welt der einzige richtige Weg ist. Kein Anruf, den man nicht annehmen kann. Keine Nachricht, die in der Flut untergeht. Das hier ist anders. Das hier steht, wenn er soweit ist.


Mein Vater starb vor Jahren. Ich weiß nicht mehr genau wann — aber seinen Geburtstag, den vergesse ich nie. Jedes Jahr. Da ist er da.

Er war ein kleiner Mann. Ein starker Mann. Jahrgang 1928. Einer, der mehr miterlebt hat, als man in einem Leben muss. Russische Gefangenschaft. Totgesagt und wieder aufgetaucht. Auferstanden von den Toten, quasi. Aus der Heimat vertrieben und dennoch wieder etwas aufgebaut. Aber immer Heimweh im Herzen.

Ein harter Hund. Schmerzen hat er einfach so weggesteckt. Zäh, stoisch, ein echter Nachkriegsdeutscher. Und trotzdem — Familie war ihm alles. Dafür stand er ein, trotz aller Widrigkeiten.

Ich war neun, als ich irgendwie verstanden habe, dass er nicht mein leiblicher Vater war. Er hat mich adoptiert. Und ich habe das damals null gerafft. Kinder sind komische Wesen. Aber er war mein Dad. Mein Dad. Und er mochte es übrigens gar nicht, wenn ich ihn so nannte. Aber wenn man jung ist, ist einem das egal. Heute würde ich ihn so nennen, wie er es verdient hätte.


Ich habe vor fast sechs Jahren schon einmal über den Tod geschrieben. Mitten in Corona, als das Sterben plötzlich in Zahlen gemessen wurde. Damals schrieb ich über Elefanten — darüber, wie eine Herde stiller wird, wenn einer geht. Wie sie den Sterbenden begleiten, ihn berühren, Abschied nehmen. Und dass wir das verlernt haben.

Sechs Jahre später denke ich immer noch darüber nach. Nicht weil ich nicht drüber hinwegkomme, sondern weil jede neue Situation eine neue Schicht freilegt. Immer wieder sind es Momente, die einen triggern. Und immer wieder lernt man etwas. Und immer wieder ist da Traurigkeit — aber auch Hoffnung. Beides gleichzeitig. Kein Oder.


Und dann ist da meine Mutter. Meine werte Frau Mutter, wie ich manchmal sage — und allein daran merkt man, dass es kompliziert ist.

Wir hatten nie ein einfaches Verhältnis. Sie, geplagt vom schlechten Gewissen, eine schlechte Mutter gewesen zu sein. Ich, getrieben davon, ein gelungener Sohn zu sein, der sie stolz macht. Ein Tanz, den wir beide nie gelernt haben.

Ich habe irgendwann beschlossen, keinen Kontakt mehr zu haben. Weil wir uns beide nicht guttun. Keine leichte Entscheidung. Und ich weiß nicht, ob sie sich damit wohlfühlt. Ich tue es. Das liest sich hart. Ist vielleicht eine andere Geschichte.


Was mich heute triggert: Dass eine Mutter, egal wie das Verhältnis war, immer einen Verlust bedeutet. Dass der Tod eine Tür schließt. Endgültig. Und dass danach die Frage schwerer wiegt als jeder Streit davor:

Hätte ich …?

Kennt ihr das? Ihr fahrt an einem schweren Autounfall vorbei. Die nächsten fünf Kilometer fahrt ihr langsamer. Vorsichtiger. Aufmerksamer. Dann kommt der nächste Song im Radio, der nächste Gedanke, und alles ist wieder wie vorher.

Das hier sind meine fünf Kilometer.

Ich möchte niemanden belehren. Aber wenn dieser Text bei irgendwem dazu führt, kurz innezuhalten — das Verhältnis zu bewerten, das Telefon in die Hand zu nehmen, oder zumindest einen Moment ehrlich zu sich selbst zu sein — dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Klärt Dinge zu Lebzeiten. Oder macht euren Frieden damit, dass ihr es nicht tut. Beides ist in Ordnung. Aber entscheidet euch bewusst.


Und für meinen Freund, falls er das irgendwann liest:

Trauer ist schon schwer genug. Aber wenn das Verhältnis nicht einfach war, trauert man nicht nur um den Menschen — sondern auch um alles, was hätte sein können und nie war. Das macht es nicht leichter. Aber es macht es ehrlich.

Und vielleicht ist da auch Erlösung. Ein hartes Wort. Aber manchmal das richtige. Das Leid endet. Das Ringen endet. All die unausgesprochenen Dinge — sie werden stiller. Nicht weg, aber stiller.

Für die, die gehen, endet der Schmerz. Für die, die bleiben, kann es ein Martyrium werden — wenn man nicht aufpasst. Und umso wichtiger ist es, Freunde zu haben, die dann da sind. Da sind, wenn es passt. Da sind, wenn es vonnöten ist.

Die Chance zu lernen, zu reifen, zu verarbeiten — die kommt. Das klingt logisch und aufgeräumt. Ist es nicht. Aber es wird.

Eine Idee soll man betrunken haben und nüchtern prüfen.

Dieser Text entstand spät nachts, nach zwei Gläsern Wein und zu wenig Schlaf. Morgen werde ich ihn nüchtern lesen. Und wenn er dann immer noch stimmt, war er es wert.

Fünf Kilometer langsamer. Mehr ist es manchmal nicht. Aber es reicht.

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