Lass mich doch mal traurig sein.

Warum dieser Dauer-Optimierungswahn uns kaputtmacht.

„Alles hat einen Sinn.“
„Du wirst daran wachsen.“
„Das Leben gibt dir nur Aufgaben, die du meistern kannst.“

Jeder kennt solche Sätze oder hat solche Sätze schon mal geschickt bekommen.

Gut gemeint. Und vermutlich von Herzen.

Aber sie helfen nicht. Also zumindest für mich gesprochen.

Im Gegenteil – sie wirken auf mich wie Pflaster auf Platzwunden: kleben schnell, helfen nicht wirklich und überdecken eher das, was eigentlich sichtbar sein müsste. Nämlich Schmerz. Ohnmacht. Oder einfach: eine verdammt schwierige Zeit.

Ich will niemandem zu nahe treten. Und ich weiß, dass viele einfach das Beste wollen, wenn sie solche Zitate verschicken. Aber ich frage mich manchmal: Wem helfen diese Sprüche eigentlich? Dem, der sie liest – oder dem, der sie losschickt, weil er selbst mit dem Schweigen nicht klarkommt?


Zwischen Wachstum und Überforderung

Mir fällt auf: Wir sind auf einem kollektiven Selbstoptimierungstrip.

Wir reden von Resilienz, Mindset, persönlichem Wachstum und positiver Energie. Wir lesen Bücher über Achtsamkeit, machen Eisbäder, meditieren, atmen uns gesund und visualisieren unsere Ziele. Klingt stark. Ist auch nicht alles schlecht.

Aber: Wo bleibt da der Raum für Schwäche? Für Angst? Für Stillstand?

Ich habe das Gefühl, wir sind so sehr damit beschäftigt, uns „zu entwickeln“, dass wir gar nicht mehr stehen bleiben dürfen. Dass wir uns nicht mehr leisten können, zu sagen: „Ich kann gerade nicht.“ Oder schlimmer noch: „Ich will gerade nicht.“

Und wenn wir dann doch mal stolpern – dann gibt’s halt ein neues Coaching, ein neues Buch, eine neue App. Als ob Schmerz eine Funktion wäre, die man in den Einstellungen einfach deaktivieren kann.


Die neue Angst vor der echten Emotion

Ich glaube, wir verlieren gerade etwas Wichtiges:

Die Fähigkeit, Gefühle auszuhalten, ohne sie sofort erklären oder wegatmen zu müssen.

Denn ja – es gibt Momente, da hilft kein kluger Satz. Kein Purpose. Keine Vision. Da hilft einfach nur: durchhalten. Oder ausruhen. Oder das Scheitern anschauen, ohne es gleich transformieren zu müssen.

Was mir wirklich hilft?

Ehrliche Gespräche. Menschen, die nicht sofort eine Lösung haben. Die nicht gleich mit einem Rat um die Ecke kommen, sondern einfach da sind – und mit der Stille umgehen können. Weil sie wissen, dass echte Nähe nicht entsteht, wenn alles gut ist, sondern wenn man gemeinsam durchhängt.


Ich bin kein Problem, das man lösen muss

Ich funktioniere nicht über Sprüche. Ich funktioniere auch nicht über Programme oder Fünf-Schritte-Pläne. Ich bin ein Kopfmensch. Ich denke viel. Ich beobachte. Und ich analysiere.

Aber genau deshalb weiß ich auch: Nicht alles lässt sich sofort einordnen. Nicht jeder Schmerz ist eine Einladung zum Wachstum.

Manchmal ist Schmerz einfach nur Schmerz.

Und auch der darf da sein.

Ich muss nicht daran wachsen. Ich darf auch mal klein sein.

Ich darf zweifeln. Ich darf sogar traurig sein – ganz ohne Ziel, ganz ohne Optimierungsidee.


Ein bisschen weniger Glanz, ein bisschen mehr Wahrheit

Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Mut zur Echtheit finden.

Nicht alles muss glänzen. Nicht jede Phase muss produktiv sein.

Wir dürfen uns eingestehen, dass auch wir nicht immer wissen, wie es weitergeht – und dass das okay ist.

Denn wenn wir anfangen, nur noch das Licht zu feiern und den Schatten zu ignorieren, dann verlieren wir uns selbst.

Dann verlieren wir das, was uns menschlich macht: unsere Tiefe.


Vielleicht ist es gar nicht das Licht, das uns heilt.
Sondern der Moment, in dem wir den Schatten nicht mehr fürchten.

Zu guter letzt: Wer immer funktionieren will, hat irgendwann kein Gefühl mehr dafür, wie sich echt anfühlt. Daher einfach mal wieder mehr Sein und einfach mal wieder Echt sein.
Ist schwer, aber vielleicht lohnt es sich ja. Das war so der Hintergedanke zu dem Beitrag

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