Feuer, Diesel und die deutsche Seele.

Es ist Krieg. Im Iran sterben Menschen. Die Straße von Hormus ist dicht. Zwanzig Prozent des weltweiten Öls fehlen auf dem Markt.

Und wir reden über Spritpreise.

Ich finde das armselig. Und ich finde es ehrlich. Beides gleichzeitig. Kriege werden in Deutschland erst dann interessant, wenn sie Auswirkungen auf uns haben. Wenn der Liter Diesel auf 2,33 Euro klettert und Richtung drei geht. Wenn plötzlich das Wort „Energiekrise“ wieder in der Tagesschau auftaucht. Dann – und erst dann – schauen wir hin.

Lanz und Precht haben in Folge 238 über Energie gesprochen. Über die Macht, die darin steckt. Über Feuer, Prometheus, die Tankstelle und den Atomausstieg. Es war eine der besseren Folgen. Und sie hat mich nachdenklich gemacht – aber nicht aus den Gründen, die man erwarten würde.

„Vor der Zapfsäule sind alle gleich beleidigt“

Lanz zitiert einen Essay von Max Scharnig aus der Süddeutschen, über die Tankstelle als deutschen Sehnsuchtsort und Hassort zugleich. Das Bild ist brillant: Der Bentley-Fahrer und der Brummi-Fahrer nebeneinander, beide gleich empört.

Precht erklärt, warum der Benzinpreis so triggert: Weil die Ware unsichtbar ist. Du zahlst hundert Euro und siehst nichts. Es verschwindet durch den Zapfhahn. „Benzin ist wie Blut. Man darf es eigentlich nicht sehen.“ Du kriegst nur die Rechnung. Das fühlt sich an wie Diebstahl. Jedes Mal.

Das ist klug beobachtet. Aber es lenkt von der eigentlichen Frage ab: Warum stehen wir überhaupt an dieser Zapfsäule und sind überrascht, dass der Preis steigt?

Die Überraschung der Vernetzten

Wir leben seit dreißig Jahren in einer globalisierten Welt. Wir profitieren davon, jeden Tag. Billige Elektronik, günstige Energie, Avocados im Februar. Wir haben die Globalisierung bejahrt – Precht sagt das selbst: „Wir hatten gehofft, je globalisierter der Warenverkehr, umso friedlicher wird die Welt.“

Hat nicht funktioniert. Und jetzt stehen wir da und wundern uns, dass ein Krieg am Persischen Golf unsere Dieselpreise verdoppelt. Dass eine Blockade in einer Meerenge, von der die meisten Deutschen nicht mal wissen, wo sie liegt, unsere Wirtschaftsprognose halbiert.

Das ist keine Überraschung. Das ist die Rechnung. Wir haben sie nur dreißig Jahre lang nicht gelesen.

Hätte man sich mal einmischen sollen

Und hier wird es unbequem. Europa – und Deutschland im Speziellen – hat sich sicherheitspolitisch weggeduckt. Jahrzehnte lang. Wir haben die Friedensdividende kassiert, die Bundeswehr kaputtgespart und geglaubt, dass Wandel durch Handel schon reichen wird.

Jetzt macht Donald Trump, was er will. Im Iran. Mit der NATO. Mit Handelsabkommen. Nicht weil er so stark ist – sondern weil wir so schwach sind. Die EU ist zu zerstritten, zu langsam, zu leise. Und Deutschland? Deutschland diskutiert über Spritpreise.

Ich sage nicht, dass wir in den Iran hätten einmarschieren sollen. Ich sage: Wer dreißig Jahre lang nicht investiert – in Verteidigung, in Diplomatie, in Energieunabhängigkeit – der hat kein Recht, sich zu wundern, wenn andere die Regeln machen.

Feuer war nie nur Wärme

Der stärkste Teil der Folge ist die Kulturgeschichte. Lanz bringt Harari ins Spiel: Feuer war die erste Revolution. Nicht weil es warm machte, sondern weil es Macht bedeutete. Wer das Feuer kontrollierte, kontrollierte die Gruppe. Wer die Kohle hatte, kontrollierte die Industrialisierung. Wer das Öl hat, kontrolliert die Geopolitik.

Precht macht dann das, was Precht immer macht: Er nimmt die schöne Geschichte auseinander. Harari erzählt, dass gekochtes Fleisch das Gehirn wachsen ließ. Precht sagt: Stimmt nicht – die Großwildjagd kam viel später als das Feuer. Unsere Vorfahren haben ihre Proteine von Insekten bekommen, nicht von Mammuts. „Fette Käfer aufessen – das arttypischste Verhalten des Menschen.“ Aber am Ende bestätigt er den Kern: Ja, Feuer war der entscheidende Schritt. Ja, Energie ist Macht. Er widerspricht nicht der These – er widerspricht dem Klischee drumherum.

Und der Kern stimmt: Energie ist Macht. Seit dem Lagerfeuer. Bis zur Straße von Hormus.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob Harari damit recht hat, dass Energie DER Machtfaktor ist. Saudi-Arabien hat Energie im Überfluss – aber keine kulturelle Strahlkraft. Russland hat Gas und Öl – und verliert trotzdem an Einfluss. Die USA haben beides, Energie und Narrative. Energie ist ein Trumpf. Aber Macht ist ein Kartenspiel mit mehreren Trümpfen.

Der Atomausstieg: Beide haben recht

Jetzt zum heißen Eisen.

Lanz nennt den Atomausstieg „einen der Urfehler für die vielen Probleme, die wir mittlerweile in diesem Land haben.“ Precht widerspricht – energisch, für seine Verhältnisse.

Ich höre beiden zu. Und ich komme zu dem Schluss: Beide haben recht. Nur über verschiedene Dinge.

Precht hat recht über die Richtung. Erneuerbare Energien sind der einzige Weg zu echter Unabhängigkeit. Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Kein Hormus, kein Putin, kein Trump kann den Wind abstellen. Die Ökologie kommt, wie Precht sagt, „über das ökonomische Thema von hinten wieder rein.“ Das ist die richtige Erkenntnis.

Lanz hat recht über die Redundanz. Wir haben abgeschaltet, bevor der Ersatz da war. Keine Grundlast, keine Brücke, keine Absicherung. Und jetzt stehen wir mit dem dreckigsten Energiemix Europas da und zahlen die höchsten Strompreise. Das ist kein ideologisches Argument – das ist eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Und dann ist da noch etwas, das mich besonders ärgert.

Die Technologie, die wir eingemottet haben

Deutsche Forscher – am KIT Karlsruhe, am Helmholtz-Zentrum Dresden, an der RWTH Aachen – haben ein Verfahren entwickelt, das abgebrannte Brennstäbe nahezu unschädlich machen kann. Es heißt Partitionierung und Transmutation. Die Physik funktioniert. Im Labor nachgewiesen. Die Strahlung kann um bis zu 99,7% reduziert werden, die nötige Endlagerzeit von einer Million Jahren auf einige hundert Jahre.

Das war nie eine Spinnerei. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat 2013 eine umfassende Studie dazu vorgelegt. Die Empfehlung: Deutschland solle sich an europäischer Transmutationsforschung beteiligen.

Was haben wir gemacht? Atomausstieg. Wiederaufarbeitungsverbot. Lehrstühle geschlossen. Forscher in Rente oder ins Ausland.

Und jetzt? 2025 veröffentlicht die Bundesagentur für Sprunginnovationen eine neue Studie mit einem Schweizer Startup namens Transmutex: Eine Transmutationsanlage könnte bis 2035 an einem ehemaligen AKW-Standort betriebsbereit sein. Das Bundesamt für nukleare Sicherheit zerpflückt die Studie sofort: „oberflächlich“, „Papierstudien“.

Ich will nicht behaupten, dass Transmutation die Lösung für alles ist. Ein Endlager braucht man trotzdem. Die Technologie ist nicht industriereif. Es würde Jahrzehnte dauern.

Aber wir hatten einen Vorsprung. Wir hatten das Know-how. Und wir haben es abgeschaltet – nicht weil die Wissenschaft dagegen sprach, sondern weil die Politik entschied, dass es sich nicht lohnt, beides zu verfolgen. Erneuerbare UND Transmutation. Zukunft UND Absicherung.

Stattdessen: Entweder-oder. Wie so oft in Deutschland.

Was ich mitnehme

Lanz hat am Ende einen Satz gesagt, der hängenbleibt: „Wenn der Spritpreis Richtung drei Euro geht, hört der Spaß auf. Da kommst du mit Ideologie nicht mehr weiter.“

Er hat recht. Aber ich würde weitergehen: Ideologie hat uns in diese Lage gebracht. Auf beiden Seiten. Die einen wollten keine Atomkraft, egal was es kostet. Die anderen wollten keine Erneuerbaren, egal was auf dem Spiel steht. Und am Ende steht ein Land, das beides nicht hat – weder die Grundlast noch die Unabhängigkeit.

Lanz sagt, jeder Deutsche verbraucht 100 Kilowattstunden Primärenergie am Tag. Wenn du zehn Stunden auf einem Ergometer trampelst – eine Kilowattstunde. Ein Prozent. Der Rest kommt von irgendwo. Und dieses „irgendwo“ liegt gerade im Krieg.

Precht hat einen schönen Bogen geschlagen: Vom Lagerfeuer, das Macht bedeutete, über die Kohle, die Nationen baute, bis zum Öl, das Kriege auslöst. Die Frage „Woher kommt unsere Energie?“ war nie eine technische Frage. Sie war immer eine Machtfrage.

Und eine, die wir dreißig Jahre lang nicht beantwortet haben.


Nachlese zu Lanz & Precht #238: „Vom Feuer und Atomen: Wer die Energie hat, der hat die Macht.“ Alle Zitate aus dem Podcast, Recherche zur Transmutation aus acatech, KIT, BASE und SPRIN-D.

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