Prost. Oder auch nicht.
Matze und ich kennen uns seit fast zwanzig Jahren. Wir haben zusammen Zeiten durchlebt, in denen das Geld knapp war, die Perspektiven dünn und die Bars kein Thema — weil wir uns keine leisten konnten. Buddyabend — das machen wir schon immer. Das sind unsere Highlights. Früher seltener, früher anders — mal ein Bier am Kiosk, mal eine Kneipe in der man sich die Drinks zusammengespart hat. Gin Tonic, schon damals — lange bevor es ein In-Getränk wurde und jede Tankstelle zwanzig Sorten Craft Gin im Regal hatte. Aber wenn wir in einer guten Bar gelandet sind, war das jedes Mal besonders. Das waren die Abende, an die man sich erinnert. An denen irgendwas passiert ist — ein Gespräch, eine Idee, ein Moment.
Dann wurden die Zeiten besser. Die Jobs stabiler. Die Kinder größer. Und aus dem gelegentlichen Highlight wurde ein regelmäßiger Termin. Mal Erlangen, mal Fürth, mal Nürnberg. Zwei Männer, ein Abend, ein paar Drinks, gute Gespräche.
Jetzt sind wir in den Fünfzigern. Wir haben den Status. Wir haben das Geld. Wir haben die Zeit. Und wir finden keine Bar.
Keine echte. Keine, in der jemand hinter dem Tresen steht, der sein Handwerk versteht und sein Gegenüber als Gast sieht, nicht als Umsatz. Keine, in der die Musik stimmt, das Licht stimmt, die Atmosphäre stimmt. Was wir finden: Systemgastronomie. Pizza und Bier. Küche schließt um 21 Uhr. Enchilada, Hans im Glück, und Läden, die alle gleich aussehen.
Und wir fragen uns: Sind wir die Dinosaurier? Zwei Männer Mitte fünfzig, die dem Alkohol hinterherlaufen in einer Welt, die immer nüchterner, gesünder und vernünftiger wird?
Oder verlieren wir gerade etwas, das wichtiger ist als der Gin Tonic?
Was an einer Bar gut ist
Bevor wir zu den Daten kommen — lass mich kurz sagen, was niemand mehr laut sagt: In eine Bar zu gehen ist gut. Nicht trotz des Alkohols. Nicht nur wegen des Alkohols. Sondern wegen allem, was drumherum passiert.
Du gehst raus. Du ziehst dich an. Du verlässt dein Sofa, dein Netflix, deine Komfortzone. Du triffst jemanden — verabredet oder zufällig. Du redest. Nicht per WhatsApp, nicht per Sprachnachricht, sondern mit dem Gesicht zum anderen. Du hörst Musik, die nicht dein Algorithmus ausgewählt hat. Du probierst was Neues, weil der Barkeeper sagt: „Probier mal das hier.“
Du bist unter Menschen. Das klingt banal. Ist es nicht.
Eine gute Bar ist Therapie ohne Termin. Sie ist der Ort, an dem man nach einem beschissenen Tag hingeht und nach zwei Stunden mit einem besseren Gefühl rauskommt — nicht weil der Alkohol wirkt, sondern weil jemand zugehört hat. Der Barkeeper. Der Typ neben dir am Tresen. Matze.
Darf man das noch sagen? Dass Ausgehen gut ist? Dass ein Drink mit einem Freund gesünder sein kann als ein Abend mit dem Fitnesstracker? Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das nicht dafür gebaut wurde, alleine auf der Couch zu sitzen und Hafermilch-Latte zu trinken?
Ich sage es trotzdem. Weil es stimmt. Und weil es die Daten bestätigen — auf eine Art, die niemanden freut.
Also habe ich nachgeschaut. Und die Daten haben mich umgehauen.
70.000. Dann 21.000.
1994 gab es in Deutschland über 70.000 Kneipen und Gaststätten. Ich war 23. Jeder Ort hatte eine. Manche drei. Man ging hin, setzte sich an den Tresen, der Wirt kannte einen. Oder man kannte den Wirt. Das war dasselbe.
Heute sind es noch 21.000. Weniger als ein Drittel. In dreißig Jahren sind zwei Drittel aller Kneipen verschwunden.
Und es wird schlimmer. Zwischen 2019 und 2023 haben 62.000 Gastronomiebetriebe geschlossen. In den Jahren 2024 und 2025 kamen nochmal 24.500 dazu. 2025 allein: 2.900 Insolvenzen — doppelt so viele wie 2022. Für 2026 sagen Experten: wird nochmal mehr.
Was Corona gemacht hat
Corona hat die Kneipen nicht getötet. Aber es hat dem Sterben einen Turbo verpasst.
Bars und Kneipen: Umsatz minus 45,5 Prozent in den ersten Monaten. Personal minus 44,7 Prozent gegenüber 2019. Fast die Hälfte der Mitarbeiter — weg. Und die kamen nicht zurück. Im September 2023 — drei Jahre nach Corona — hatten Bars immer noch 12 Prozent weniger Beschäftigte als vor der Pandemie.
Restaurants haben sich halbwegs erholt. Bars nicht. Weil ein Restaurant am Mittag öffnen kann, mit Laufkundschaft und Lieferdienst. Eine Bar lebt vom Abend. Und der Abend kam nicht zurück.
Die Generation, die nicht mehr kommt
Hier wird es grundsätzlicher. 1976 tranken 70 Prozent der 18- bis 25-Jährigen mindestens einmal pro Woche Alkohol. 2021 waren es noch 32 Prozent.
Und jetzt der Hammer: 49 Prozent der deutschen Gen Z — fast die Hälfte — trinkt gar keinen Alkohol. Null. Nicht ein Bier. Nicht ein Glas Wein. Nichts.
Nur 24 Prozent trinken regelmäßig Bier. 18 Prozent Wein. „Sober Curious“ heißt das — nüchtern aus Neugier. Oder weil Gesundheit, Fitness und klarer Kopf wichtiger geworden sind als der dritte Gin Tonic.
Ich sitze hier und denke: Hut ab. Wirklich. Wenn jemand mit Anfang zwanzig die Disziplin hat, auf Alkohol zu verzichten, verdient das Respekt. Ich hatte die nicht. Und ehrlich gesagt habe ich sie immer noch nicht.
Aber — und das ist der Punkt, den niemand laut sagt — die, die noch trinken, trinken besser. Der Craft-Spirits-Markt in Deutschland wächst mit 24 Prozent pro Jahr. Premium-Spirituosen: plus 9 Prozent. Und doppelt so viele Gäste bestellen Cocktails wie Spirituosen pur. Weniger trinken, aber besser — das ist der eigentliche Trend. Und genau dafür bräuchte man gute Bars. Die es nicht mehr gibt.
Die Stammgast-Pipeline ist nicht nur versiegt. Sie hat sich gespalten: In die, die gar nicht mehr kommen. Und die, die kommen würden — wenn jemand da wäre, der weiß wie man einen ordentlichen Drink mixt.
Warum die Innenstädte leer sind
Matze und ich haben nicht nur das Gefühl, dass es weniger Bars gibt. Wir haben auch das Gefühl, dass abends weniger los ist. Dass die Städte früher leer sind. Dass sich etwas verschoben hat.
Und die Daten bestätigen das. 32 Prozent der Deutschen besuchen die Innenstadt seltener als vor der Krise. 70 Prozent geben weniger in Bars und Gaststätten aus.
Restaurants schließen früher — nicht weil sie wollen, sondern weil ihnen das Personal fehlt. Gewinne in der Gastronomie 2024: minus 20 Prozent. Die Folge: Kürzere Öffnungszeiten, weniger Abende, „Küche schließt um 21 Uhr“. Und wenn die Küche um 21 Uhr schließt, geht niemand mehr um 22 Uhr in eine Bar nebenan — weil die auch schon zu hat.
Was stattdessen passiert
Wir trinken zuhause. Netflix, Sofa, Lieferando. Das Bier kommt von Rewe, der Gin von Amazon, der Cocktail aus dem YouTube-Tutorial. 70 Prozent geben weniger in Bars aus — aber der Alkoholverkauf im Einzelhandel hält sich stabil. Die Deutschen haben nicht aufgehört zu trinken. Sie trinken nur woanders. Alleine. Auf der Couch. Ohne Barkeeper, ohne Gespräch, ohne den Typen am Nebentisch, der eine Geschichte erzählt, die man nicht vergisst.
Und jetzt wird es bitter.
Jeder Dritte zwischen 18 und 53 fühlt sich einsam. 39 Prozent soziale Einsamkeit. Unter 30 — der Generation, die nicht mehr in Kneipen geht — ist es noch schlimmer. Die einsamste Generation in der Geschichte der Bundesrepublik. Und die nüchternste.
Ich sage nicht, dass Alkohol gegen Einsamkeit hilft. Ich sage: Rausgehen hilft. Menschen treffen hilft. An einem Tresen sitzen, an dem man nicht alleine ist, hilft. Und die Kneipe war der niedrigschwelligste Ort dafür. Kein Verein, kein Kurs, kein Meetup-Event mit Namensschildern. Einfach: Reingehen. Hinsetzen. Da sein.
Diesen Ort gibt es immer seltener. Die Kneipe war nie nur ein Ort zum Trinken. Sie war der dritte Ort — weder Zuhause noch Arbeit, sondern der Raum dazwischen, in dem Gesellschaft passiert. Zufällig. Ungeplant. Menschlich.
Netflix ist kein dritter Ort. Netflix ist das Gegenteil.
Die Abwärtsspirale
Weniger Gäste → Kneipe macht zu → Weniger Treffpunkte → Leute bleiben zuhause → Noch weniger Gäste → Nächste Kneipe macht zu.
Dazwischen: Systemgastronomie füllt die Lücke. Franchise. Alles gleich. Pizza, Burger, Bowls. Skalierbar, niedriger Personalbedarf, online bestellbar. Die Enchilada hat kein Gesicht. Aber sie hat einen Businessplan. Und die Eckkokeipe hatte ein Gesicht — aber keinen Businessplan.
Und bei uns?
Erlangen. Universitätsstadt. 26,5 Prozent Studierende. Kaufkraft in der Region: Top 10 bundesweit. Das Geld ist da. Aber das E-Werk — das Kulturzentrum der Stadt — kämpft mit 290.000 Euro Finanzierungslücke und muss ab 2026 Öffnungstage streichen.
Fürth. Die Gustavstraße — charmant, historisch, das Herz der Kneipenszene. Aber die Amerigo Bar ging im Oktober 2025 in Insolvenz. Nach fünf Jahren. „Nicht weg — aber anders“, haben sie geschrieben. Das klingt nach Abschied.
Nürnberg. 150 Bars laut Bewertungsportalen. Klingt viel. Aber die Gastro-Dichte liegt bei 24 Lokalen pro Quadratkilometer — München hat 40. Und die Bars, die es noch gibt, machen früher zu als vor drei Jahren. Weil kein Personal da ist.
Die Metropolregion Nürnberg hat 3,6 Millionen Menschen. Und Matze und ich finden keinen ordentlichen Gin Tonic.
Was man tun könnte
Mannheim hat seit 2018 einen Nachtbürgermeister. Den ersten in Deutschland. Hendrik Meier, ein Typ der zwischen Clubbetreibern, Anwohnern und der Stadtverwaltung vermittelt. Die Erfahrung: weniger Beschwerden, bessere Kommunikation, mehr Verständnis auf allen Seiten.
Amsterdam hat das seit 2003. In München wird darüber diskutiert — der frisch gewählte OB Dominik Krause könnte ein Signal setzen.
Nürnberg? Erlangen? Fürth? Nichts dergleichen. Keine Nachtkultur-Strategie. Kein Ansprechpartner für die Szene. Keine Antwort auf die Frage, warum abends um 22 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Eine unpopuläre Meinung
Ich werde jetzt etwas sagen, das man 2026 vermutlich nicht sagen darf: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen öfter in eine gute Bar gehen würden.
Nicht zum Saufen. Zum Reden. Zum Dasein. Zum Aus-dem-Haus-Gehen. Zum Augenkontakt mit einem Fremden. Zum Lachen über etwas, das nicht als Reel gescriptet wurde. Zum Erleben, dass der Mensch am Tresen eine Geschichte hat, die man nicht googeln kann.
Wir optimieren unseren Schlaf, tracken unsere Schritte, messen unsere Herzfrequenz und trinken Hafermilch-Latte mit Ashwagandha. Und fühlen uns einsamer als jede Generation vor uns. Vielleicht — nur vielleicht — fehlt uns nicht das nächste Supplement. Sondern ein Tresen, ein Drink und jemand der fragt: „Und, wie war dein Tag?“
Was ich daraus mitnehme
Matze und ich werden weiter rausgehen. Nicht weil die Auswahl groß ist, sondern weil wir zwanzig Jahre gebraucht haben, um uns das leisten zu können — und jetzt, wo wir es können, lassen wir es uns nicht nehmen.
Was wir suchen, ist keine Kneipe. Es ist eine gediegene Bar mit einem kompetenten Menschen hinter dem Tresen. Einem, der sein Handwerk versteht. Der den richtigen Drink zur richtigen Stimmung mixt. Der Therapeut des Abends, der Freund auf Zeit, der Berater ohne Rechnung. Die guten Gespräche habe ich mit Matze. Die guten Drinks hätte ich gerne von jemandem, der weiß was er tut.
Wir können nicht verhindern, dass Bars schließen. Dass Gen Z nicht trinkt. Dass Netflix bequemer ist als der Weg in die Stadt. Dass Systemgastronomie die Lücke füllt, die Charakter hinterlassen hat.
Aber wir können hingehen. Bestellen. Sitzen bleiben. Und dem Barkeeper — wenn wir einen finden — ein Trinkgeld geben, das ihm sagt: Danke, dass du noch da bist.
Ich habe die Daten in einem Datenstück aufbereitet: Das große Sterben, Corona als Turbo, Gen Z die nicht trinkt, das Cocooning, die Einsamkeit, Franken lokal und die Frage ob ein Nachtbürgermeister helfen würde.
→ Datenstück #14: Prost. Oder auch nicht.
70.000 Kneipen sind verschwunden. 49 Prozent der Jungen trinken gar nichts. Jeder Dritte fühlt sich einsam. Und die, die noch rausgehen, finden Pizza und Bier statt einer Bar mit Seele.
Vielleicht sind wir Dinosaurier. Aber Dinosaurier, die an einem Dienstagabend in einer Bar sitzen, Gin Tonic trinken und über das Leben reden — die sterben zumindest nicht einsam.
Prost, Buddy.