Bonds Personalakte.

Montagabend. Erkältung. Usedom. Die Hoffnung, dass die Sauna das Schlimmste rausgeschwitzt hat. Ob das eine gute Idee war, sehen wir morgen. Auf dem Sofa läuft No Time to Die — der letzte Bond mit Daniel Craig. Und irgendwann, zwischen der dritten Tasse Tee und der Szene, in der Bond mal wieder einen Dienstwagen in Trümmer verwandelt, denke ich: Was wäre, wenn James Bond ein normaler Angestellter wäre?

Nicht der Mythos. Nicht der Held. Sondern ein Mitarbeiter. Mit Personalakte. Mit Jahresgespräch. Mit einer HR-Abteilung, die irgendwann mal auf den Tisch haut.

Ich war zwanzig Jahre im Marketing und Vertrieb. Ich kenne Personalakten. Ich kenne Jahresgespräche. Und ich weiß, wie die Akte von James Bond aussehen würde.

Mitarbeiter: Bond, James. Personalnummer: 007.

Abteilung: Operative Abteilung, Doppelnull-Sektion
Vorgesetzter: M (wechselnd, hohe Fluktuation in der Position — bezeichnend)
Eintrittsdatum: 1962
Befristung: Nein (faktisch unkündbar trotz zahlreicher Kündigungsgründe)

Dienstwagenregelung

Bond hat in 25 Filmen geschätzt über 100 Fahrzeuge genutzt. Davon zurückgegeben in fahrtüchtigem Zustand: ungefähr null. Allein der Aston Martin DB5 wurde dreimal zerstört und dreimal ersetzt. Ein Neuwagen kostet heute um die 3,5 Millionen Pfund. Q-Branch hat vermutlich einen eigenen Budgetposten namens „Bond, Fahrzeuge, Totalverlust“.

In jedem Unternehmen, das ich kenne, wäre nach dem zweiten Totalschaden ein Gespräch fällig. Nach dem dritten der Poolwagen. Nach dem vierten: ÖPNV-Ticket.

Reisekostenabrechnung

Bond reist pro Einsatz in durchschnittlich drei bis fünf Länder. Erste Klasse, versteht sich. Hotels der Spitzenklasse. Maßanzüge — die er im Schnitt alle 40 Minuten Filmzeit ruiniert. Casino-Besuche auf Spesen. Der Mann trinkt Vodka Martini auf Firmenkosten. Nicht einen. Geschätzt werden Bond über alle Filme hinweg etwa 100 Drinks zugeschrieben.

Die Reisekostenrichtlinie von MI6 möchte ich sehen. Beziehungsweise: Ich möchte die Sachbearbeiterin sehen, die das abzeichnet.

Compliance-Verstöße

Hier wird die Akte dick:

Tötungsdelikte: Die Doppelnull-Lizenz erlaubt das Töten im Auftrag der Krone. Aber die Zahlen sind trotzdem bemerkenswert. Daniel Craig allein bringt es auf über 70 bestätigte Eliminierungen in vier Filmen. Über alle Bonds hinweg schätzen Fans die Zahl auf über 400. Selbst mit Lizenz — das sind 400 Vorfallberichte, 400 interne Untersuchungen, 400 Mal Papierkram.

Sachbeschädigung: Gebäude, Brücken, Boote, Flugzeuge, Züge, eine ganze Bohrinsel in Licence to Kill, ein venezianisches Palazzo in Casino Royale. Der britische Versicherer MORE TH>N hat 2015 nachgerechnet — von £3 für zertrümmerte Aschenbecher bis £1 Milliarde für ein U-Boot: 8 Milliarden Pfund Gesamtschaden über 24 Filme. Durchschnitt pro Einsatz: 349 Millionen. Roger Moore allein: 4,6 Milliarden — davon 4,3 für die Weltraumstation in Moonraker. Versichert? Bestimmt nicht.

Diebstahl von Firmenequipment: Bond gibt fast nie etwas zurück. Waffen, Uhren, Autos, Gadgets — Q beschwert sich in jedem Film. In Skyfall sagt er: „I’d appreciate it if you’d return the equipment in one piece.“ Bond grinst. Das Equipment kommt nicht zurück.

Ungenehmigte Alleingänge: In praktisch jedem Film handelt Bond gegen ausdrückliche Anweisung. „Come in, Bond.“ — „Nein.“ Das ist nicht Eigeninitiative. Das ist Arbeitsverweigerung.

Verhalten gegenüber Kolleginnen

Wir müssen darüber reden.

In den frühen Filmen — und ehrlich gesagt auch in den mittleren — würde Bonds Verhalten gegenüber weiblichen Kolleginnen und Kontaktpersonen ein modernes HR-Seminar zum Kollabieren bringen. Das ist kein Flirten. Das ist ein Musterbeispiel für alles, was in den letzten zwanzig Jahren in Compliance-Schulungen als „so nicht“ markiert wird.

Die Craig-Ära hat das besser gemacht. Aber selbst dort: Vesper Lynd stirbt. Bonds Frau in On Her Majesty’s Secret Service stirbt. Madeleine Swann überlebt — knapp. Bonds Beziehungsbilanz ist nicht nur ein HR-Problem. Sie ist ein Muster.

Psychologische Eignung

Und hier wird es eigentlich ernst.

James Bond ist Waise. Eltern bei einem Kletterunfall gestorben, als er jung war. Aufgewachsen bei einem Vormund. Internat. Militär. Geheimdienst. Kein Film zeigt Therapie. Keiner zeigt Verarbeitung. Stattdessen: Alkohol, Risikoverhalten, Bindungsunfähigkeit und ein Job, der verlangt, dass er Menschen tötet.

Die ICD-11 würde vermutlich finden: Komplexe Traumafolgestörung. Bindungsstörung mit Vermeidung. Risikoverhalten als Coping-Mechanismus. Substanzgebrauch (Alkohol, regelmäßig, situationsübergreifend). Und eine Organisation, die das nicht nur toleriert, sondern instrumentalisiert.

Jedes Unternehmen, das einen Mitarbeiter mit diesem Profil in den Außendienst schickt — mit einer Waffe — hat nicht nur ein HR-Problem. Es hat ein Führungsproblem.

Das Jahresgespräch

Ich stelle mir das vor. M sitzt am Tisch. HR ist dabei. Bond kommt rein, Anzug perfekt, leichter Whisky-Geruch.

„Mr. Bond, wir müssen über Ihre Zielvereinbarung sprechen.“

Ziel 1: Missionen erfolgreich abschließen. Erreicht. Immer. Die Welt ist noch da. Das muss man anerkennen.

Ziel 2: Budgeteinhaltung. Verfehlt. Massiv. Allein die Aston Martins.

Ziel 3: Teamarbeit und Kommunikation. Verfehlt. Bond ist ein Einzelgänger, der Befehle ignoriert, Kollegen gefährdet und seinen Vorgesetzten regelmäßig anlügt.

Ziel 4: Einhaltung der Compliance-Richtlinien. Wir haben aufgehört zu zählen.

Ziel 5: Work-Life-Balance. Nicht bewertbar. Bond hat kein Life. Er hat Einsätze. Dazwischen trinkt er.

Gesamtbewertung: Ergebnisorientiert überragend. Prozessorientiert eine Katastrophe. Wie so viele Top-Performer.

Warum ich das aufschreibe

Nicht weil es wichtig ist. Sondern weil mich der Gedanke beim Filmschauen nicht losgelassen hat. Und weil er — auf eine absurde Art — etwas zeigt, das ich aus dreißig Jahren Berufsleben kenne:

Es gibt Leute, die liefern Ergebnisse. Immer. Zuverlässig. Brillant. Und gleichzeitig sind sie unmöglich. Sie halten sich an keine Regeln. Sie kosten ein Vermögen. Sie sind nicht teamfähig. Und jede Organisation steht vor der gleichen Frage: Halten wir den? Oder ist der Preis zu hoch?

Bond wird gehalten. Immer. Weil er liefert. Weil die Welt sonst untergeht. Weil niemand anders den Job macht.

In der echten Welt ist die Antwort meistens anders. Und meistens richtig. Aber nicht immer. Und jeder, der mal in einem Unternehmen gearbeitet hat, kennt den Moment, in dem man sich heimlich wünscht: Hätten wir den mal behalten.

Aber am Montagabend, mit Erkältung und Tee auf Usedom, darf man mal kurz so tun, als wäre die Bond-Lösung die bessere.

Und dann kam die Nachricht vom Nachfolger

Während ich das hier schreibe, laufen die Gerüchte heiß. Denis Villeneuve — der Mann, der Dune gemacht hat — soll Bond 26 drehen. Drehbuch: Steven Knight, der Peaky-Blinders-Erfinder. Die Kandidaten? Callum Turner, Jacob Elordi, Tom Holland, Aaron Taylor-Johnson. Alles Ende zwanzig, Anfang dreißig. Alles unverbraucht.

Und das Konzept? Ein Reboot. Ein junger Bond. Origin Story. Royal Navy, Werdegang, wie er zum Agenten wird. Kein Martini, kein Aston Martin, kein Casino — zumindest nicht am Anfang. „A new Bond, a new start, a fresh everything“, heißt es bei den Produzenten.

Ich sitze auf dem Sofa und denke: Muss das sein?

Ich bin Spießer bei Bond. Ich gebe das zu. Ich mag meinen Bond mit allem, was dazugehört. Den Anzug, der nach einer Explosion noch sitzt. Den Drink, der geschüttelt und nicht gerührt ist. Die Frauen, die klüger sind als er, aber trotzdem bleiben. Die Gadgets, die absurd sind, aber funktionieren. Den Humor, der trocken ist wie der Martini.

Das ist politisch nicht korrekt. Das ist nicht zeitgemäß. Das ist vermutlich in fünf verschiedenen Diversity-Richtlinien ein Problem. Aber es ist Bond. Es war immer Bond. Und wenn man das wegnimmt — was bleibt dann? Ein Action-Film mit einem britischen Akzent?

Daniel Craig hat gezeigt, dass man Bond modernisieren kann, ohne ihn zu verlieren. Vesper Lynd war die beste Bond-Frau aller Zeiten — nicht weil sie im Bikini aus dem Meer stieg, sondern weil sie Bond intellektuell ebenbürtig war. Und ihn am Ende zerstört hat. Das war mutig. Das war neu. Und es war trotzdem Bond.

Die Frage ist nicht, ob Bond jünger werden soll. Klar, irgendwann muss ein neuer Schauspieler ran. Die Frage ist, ob 007 noch 007 ist, wenn man ihm die Kanten abschleift. Wenn er nicht mehr trinkt, nicht mehr flirtet, nicht mehr die Regeln bricht, die ihn definieren.

Bonds Personalakte ist eine Katastrophe. Das ist der Punkt. Das war schon immer der Punkt. Er ist der Mitarbeiter, den man nicht haben will — und ohne den man nicht kann. Nimm ihm das weg, und er ist Jason Bourne mit britischem Pass.

Ich wünsche mir einen neuen Bond, der Fehler macht. Der zu viel trinkt. Der unbequem ist. Der eine Personalakte hat, bei der HR den Kopf schüttelt. Nicht weil ich Nostalgie will. Sondern weil die Welt genug glattgeschliffene Helden hat.

007 war nie einer davon. Und sollte es auch nicht werden.

Schadensdaten: MORE TH>N Insurance, „Licence to Bill“ (2015, 24 Bond-Filme, jeder Posten einzeln erfasst). Kill Count: diverse Fan-Analysen, nicht peer-reviewed. Reisekosten/Drinks: Fandom Wiki, „James Bond Expenses“. Der Rest: ein Mann, eine Couch auf Usedom, eine Erkältung und zu viel Bond.

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