Eine Woche im März

Ich liege auf Usedom. Erkältung. Tee statt Bier. Die Woche vor dem Urlaub war so stressig, dass ich zu nichts kam — und jetzt, wo ich endlich Zeit habe, mal reinzuschauen, denke ich: Habe ich eine Woche verpasst oder ein Quartal?

Was in der ersten Märzwoche 2026 passiert ist, fasst man nicht in einem Satz zusammen. Aber ich versuch’s trotzdem: Die KI-Branche hat in sieben Tagen mehr geliefert als in manchem Halbjahr davor. Und das Verrückteste daran? Die meisten haben es nicht mitbekommen, weil sie arbeiten waren.

Hier ist mein Versuch, das einzuordnen. Nicht als Analyst, sondern als jemand, der mit diesen Werkzeugen arbeitet.


1. ChatGPT zieht in Excel ein

OpenAI hat GPT-5.4 vorgestellt. Das neue Flaggschiff: eine Million Token Kontextfenster, 33 Prozent weniger Fehler als der Vorgänger, und — das ist der Knall — eine direkte Integration in Microsoft Excel. Du beschreibst in Alltagssprache, was du brauchst, und die KI baut dir das Finanzmodell. Live-Daten von FactSet, Dow Jones, S&P Global direkt in der Zelle.

Die Presse dreht durch. Zu Recht? Teilweise. ChatGPT in Excel ist stark, wenn du von Null anfängst. Aber wer arbeitet schon auf der grünen Wiese?

2. Claude in Excel — der leise Gamechanger

Während alle über ChatGPT reden, hat Anthropic etwas gemacht, das für die Praxis wichtiger sein könnte: Claude sitzt als Sidebar direkt in Excel, liest live die Formeln, versteht Abhängigkeiten über mehrere Tabs und — das ist entscheidend — bewahrt die Formellogik beim Editieren.

Der Unterschied in einem Satz: ChatGPT baut dir ein neues Spreadsheet. Claude versteht das, das du schon hast.

Wer schon mal ein vererbtes Finanzmodell mit elf Tabs und 400 Formeln aufmachen musste, weiß, was das bedeutet. Claude zeigt dir mit klickbaren Zellreferenzen, woher ein Wert kommt. Es erklärt dir, warum sich eine Zahl geändert hat. Es debuggt #REF!-Fehler, ohne dein Modell zu zerschießen.

Für Business Intelligence, für Finance, für jeden, der ererbte Modelle pflegen muss: Das ist das schärfere Werkzeug. Weil BI nie auf der grünen Wiese anfängt. BI erbt immer.

3. Microsoft setzt auf Claude — nicht auf OpenAI

Und jetzt wird es richtig interessant. Microsoft hat Milliarden in OpenAI investiert. Milliarden. Und dann bauen sie ihren neuen Enterprise-Agenten — Copilot Cowork — auf Claude. Auf Anthropic. Nicht auf GPT.

Das ist kein kleines Signal. Das ist ein tektonischer Shift.

Ich habe vor etwa einem Jahr meinen Chef so lange genervt, bis er mir eine Copilot-Lizenz genehmigt hat. 30 Euro im Monat. Ich wollte es testen, wollte wissen, was geht. Und ehrlich? Das Einzige, was bisher wirklich zuverlässig funktioniert, ist das Protokollieren von Meetings. Als Facilitator brauchbar, als intelligenter Assistent — naja. Das Marketingversprechen ist größer als die Realität. Und ich bin nicht der Einzige, der das so sieht. Microsoft verliert Nutzer, weil die Erwartung nicht eingelöst wird.

Dass sie jetzt für den Enterprise-Agenten den Motor wechseln, ist ein Eingeständnis: Copilot in der jetzigen Form reicht nicht. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn Claude für die schwere Arbeit, das könnte der Schub sein, den Copilot braucht.

4. China drückt aufs Gas

Alibabas Qwen 3.5: 700 Millionen Downloads, Open Source, versteht Text, Bild und Video bis zu zwei Stunden Länge. DeepSeek V4 steht in den Startlöchern. Und das Preisschild? Chinesische Anbieter unterbieten US-Preise um bis zu 95 Prozent.

Fünfundneunzig Prozent.

Für europäische Unternehmen wird Qwen kein Ersatz — dafür gibt es zu viele Fragen zu Bias und Datenschutz. Chinesische Modelle haben ein nachgewiesenes Zensurproblem bei politischen Themen. Aber der Preisdruck, den China aufbaut, betrifft alle. KI wird Commodity. Schneller als die meisten denken.

5. NVIDIA — der Waffenhändler

NVIDIA hat Vera Rubin vorgestellt. Neue Architektur, zehnmal bessere Kosteneffizienz bei Inferenz. Was das heißt: KI-Anwendungen werden dramatisch billiger im Betrieb.

Egal wer das Rennen macht — OpenAI, Anthropic, China — NVIDIA verdient immer. Die verkaufen die Schaufeln im Goldrausch. Und gerade hat kein Unternehmen auf der Welt mehr stille Macht als dieses.

6. Anthropic sagt Nein zum Pentagon

Anthropic — die Macher von Claude — haben sich öffentlich gegen den Einsatz ihrer KI in autonomen Waffensystemen gestellt. Das klingt nach PR. Ist es vielleicht auch. Aber: Wenn Anthropic Nein sagt, sagt jemand anders Ja. Die Frage ist nicht, ob KI ins Militär kommt. Die Frage ist, wer die Leitplanken setzt.

Anthropic hat eine Position. OpenAI hat keine. Google schweigt. Das allein ist schon eine Aussage.


Die eigentliche Frage

Zwölf neue KI-Modelle in einer Woche. KI in Excel. KI als Desktop-Agent. KI wird 95 Prozent billiger. KI sagt Nein zu Waffen — oder auch nicht.

Das ist keine Evolution mehr. Das ist eine Flutwelle. Und die ehrliche Frage ist nicht, welches Modell besser ist. Die ehrliche Frage ist: Wer soll da noch mitkommen?

Nicht die Tech-Leute. Die schwimmen mit. Aber der Mittelstand? Der Fachbereich? Der Controller, der noch mit SVERWEIS kämpft, während nebenan die KI ganze Finanzmodelle baut?

Die Schere geht auf. Und sie geht schnell auf.

Ich habe diese Woche auf Usedom einen Mathematiker getroffen. 71 Jahre alt. Gründet gerade eine Firma. Nutzt ChatGPT statt Google. Der kommt mit. Aber er ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Eine stressige Woche, dann Urlaub — und in dieser Zeit hat sich mehr verändert als in manchem Quartal davor. Und nächste Woche? Geht es weiter.

Die Frage ist nicht, ob die Welle kommt. Die Frage ist, ob wir sie surfen — oder eine Menge Wasser schlucken.

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