Nicht fauler. Führungsloser.
Vergangene Woche bei Lanz & Precht: „Werden wir immer fauler?“ Precht nennt die Forderung nach einer Stunde Mehrarbeit für alle „die dämlichste Idee, die ich je gehört habe“. Lanz hält dagegen — Deutschland hat ein echtes Produktivitätsproblem, sogar Griechenland hat uns überholt. 75 Prozent der Deutschen sagen laut ZDF-Politbarometer, dass Arbeitnehmer nicht zu wenig arbeiten.
Und ich sitze da, höre zu und denke: Beide haben recht. Und beide greifen zu kurz.
Denn die Frage ist nicht, ob wir zu wenig arbeiten. Die Frage ist, ob wir richtig arbeiten. Und ob uns jemand dabei führt. Meine These: Deutschland hat kein Faulheitsproblem — Deutschland hat ein Führungsproblem.
Mehr arbeiten ist nicht die Antwort. Das ist belegt.
Die Idee klingt so schön einfach: Alle arbeiten eine Stunde mehr, Problem gelöst. Aber die Wissenschaft sagt etwas anderes.
John Pencavel von der Stanford University hat 2014 in einer viel beachteten Studie gezeigt: Ab 50 Wochenstunden sinkt die Produktivität pro Stunde steil ab. Ab 55 Stunden ist jede weitere Stunde praktisch wertlos. Und wer 70 Stunden arbeitet, produziert insgesamt weniger als jemand mit 56. Mehr ist nicht mehr — mehr ist weniger.
Die OECD-Daten erzählen die gleiche Geschichte, nur im großen Maßstab: Länder mit den meisten Arbeitsstunden — Mexiko, Griechenland, Türkei — haben die niedrigste Produktivität pro Stunde. Ausnahmslos.
Wer also „eine Stunde mehr für alle“ fordert, ignoriert nicht nur die Lebensrealität von Menschen. Er ignoriert die Datenlage.
Wie es andere machen
Es gibt Länder, die zeigen, dass es anders geht. Nicht theoretisch, sondern messbar.
Dänemark: 37,2 Stunden pro Woche im Durchschnitt. Produktivität: 104 Dollar pro Stunde — Platz vier weltweit. Die Dänen arbeiten kürzer, aber sie arbeiten fokussierter. Meetings haben feste Endzeiten. Überstunden sind die Ausnahme, nicht der Normalzustand. Und Führung basiert auf Vertrauen, nicht auf Kontrolle.
Niederlande: Die wenigsten Arbeitsstunden im gesamten OECD-Raum — 32,1 Stunden pro Woche laut Eurostat. Produktivität pro Stunde: auf US-Niveau. Teilzeit ist dort kein Makel, sondern gesellschaftlich akzeptiert. Der Fokus liegt auf Ergebnis, nicht auf Anwesenheit.
Deutschland: Wir arbeiten weniger als der OECD-Schnitt — das stimmt. Aber unsere Produktivität pro Stunde fiel 2023 um 0,9 Prozent, der stärkste Rückgang seit 2009. Und 2024 ging es weiter bergab. Nicht weil wir zu wenig arbeiten. Sondern weil wir die falsche Diskussion führen.
Die Krankenstand-Lüge
Es wird gerne behauptet, die Deutschen seien ein Volk von Krankmachern. Die Zahlen scheinen das zu belegen: 23,9 Fehltage pro Jahr im AOK-Durchschnitt, Lohnfortzahlungskosten von 82 Milliarden Euro — Rekord.
Aber hier ist, was in der Debatte regelmäßig unterschlagen wird: Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat nachgewiesen, dass der Großteil des Anstiegs ein statistischer Effekt ist. Seit Januar 2023 gibt es die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Früher ging der gelbe Schein auf Papier verloren, wurde nicht eingereicht, kam nie bei der Krankenkasse an. Heute wird jede AU automatisch digital übertragen. Wir sind nicht kränker geworden — wir erfassen nur besser.
Und die telefonische Krankschreibung, die gerne als Einladung zum Blaumachen dargestellt wird? Die DAK hat ausgewertet: Kein Anstieg der Fehltage. Kein Hinweis auf Missbrauch.
Die KI-Frage, die keiner stellt
Ich arbeite täglich mit KI. Nicht als Spielerei, sondern als Werkzeug. Und ich sehe, was passiert: Aufgaben, die früher Stunden gefressen haben, sind in Minuten erledigt. Nicht weil ich schlauer geworden bin, sondern weil ich ein Werkzeug habe, das mich schneller macht.
Harvard Business School und BCG haben das 2023 in einem kontrollierten Experiment mit 758 Beratern untersucht. Das Ergebnis: KI-Nutzer erledigten 12 Prozent mehr Aufgaben, waren 25 Prozent schneller und lieferten 40 Prozent bessere Qualität. Und jetzt kommt der Punkt, der mich nicht loslässt: Berater unter dem Leistungsdurchschnitt verbesserten sich um 43 Prozent. Die Guten wurden besser, aber die Schwächeren wurden dramatisch besser. KI als Equalizer.
Jetzt wird es spannend: Gib einem Jungen eine KI an die Hand, und das Bild verändert sich komplett. Plötzlich kann jemand mit drei Jahren Berufserfahrung Dinge leisten, für die ich früher zehn gebraucht habe. Das ist keine Bedrohung — das ist eine Riesenchance. Aber eine, die kaum jemand so sieht. (Wie schnell sich die KI-Welt gerade dreht, habe ich in Eine Woche im März aufgeschrieben.)
Denn gleichzeitig werden die Alten aussortiert. Wir sind teuer, klar. Aber wir sind auch produktiv, weil wir Erfahrung haben. Wir wissen, welche Fragen man stellen muss, bevor man loslegt. Wir erkennen Muster, die ein Berufsanfänger erst noch lernen muss. Die OECD hat 2024 in einer Studie gezeigt, dass altersgemischte Teams produktiver sind als homogene. Die Kombination aus junger Energie und alter Erfahrung — idealerweise beide mit KI ausgestattet — das wäre die Produktivitätsmaschine, die dieses Land braucht.
Aber stattdessen? Werden die Alten rausgedrängt und die Jungen überfordert. Und keiner fragt, ob man das nicht auch anders lösen könnte.
Deutschlands eigentliches Problem: Führung
Hier ist meine eigentliche These: Wir haben kein Faulheitsproblem. Wir haben ein Führungsproblem.
Gallup veröffentlicht jedes Jahr den State of the Global Workplace Report. Die Zahlen für Deutschland sind verheerend: Nur 14 Prozent der Arbeitnehmer sind wirklich engagiert. Fast 20 Prozent haben innerlich gekündigt — der höchste Wert seit 2012. Und der entscheidende Datenpunkt: 70 Prozent der Varianz im Team-Engagement gehen auf den direkten Vorgesetzten zurück. Siebzig Prozent.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nicht die Vier-Tage-Woche entscheidet, ob ein Team produktiv ist. Nicht der Obstkorb. Nicht die eine Stunde mehr oder weniger. Es ist die Führungskraft.
Zu viele Chefs glauben noch immer: Wenn ich die Leute sehe, dann machen sie was. Anwesenheit als Leistungsnachweis. Ich halte das für Blödsinn — und die Harvard Business Review gibt mir recht: Präsentismus kostet Unternehmen 2,4-mal mehr als Absentismus. Leute, die da sind aber nicht können oder wollen, richten mehr Schaden an als leere Stühle.
Mich interessiert der Output, nicht die Stunden auf dem Bürostuhl. Aber echte Führung — Entscheidungen treffen, Richtung vorgeben, Menschen befähigen statt zu kontrollieren — das traut sich kaum noch jemand. Weil der nächste Shitstorm wartet. Weil die nächste öffentliche Watsche schon vorbereitet wird. Also wird verwaltet statt geführt. Und dann wundern wir uns, dass nichts vorangeht.
Alt gegen Jung — oder miteinander?
Das Thema spaltet Generationen. Ich sage ehrlich: Ich bin der Meinung, dass die Jungen mehr arbeiten könnten. Und dass die Alten entlastet werden sollten. Ich weiß, dass mir die Jungen da widersprechen werden. Und genau das wäre eigentlich gut — denn dann hätten wir eine echte Diskussion statt gegenseitiges Kopfschütteln.
Aber die Diskussion findet nicht statt. Die Jungen posten auf Social Media, die Alten schütteln den Kopf am Küchentisch. Und dazwischen: Stille.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Nicht ob wir zu viel oder zu wenig arbeiten. Sondern dass wir verlernt haben, darüber ehrlich miteinander zu reden. Und dass uns Führung fehlt — auf allen Ebenen — die den Mut hat, unbequeme Gespräche zu führen und echte Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht ist Deutschland nicht im Burnout. Vielleicht sind wir nicht zu faul. Vielleicht brauchen wir einfach weniger Verwaltung und mehr Führung. Weniger Stunden-Debatten und mehr Output-Denken. Weniger Angst und mehr Mut.
Aber arbeiten wir richtig? Das ist die Frage, die mich nicht loslässt.
Kurz und knapp
Deutschland hat kein Faulheitsproblem — es hat ein Führungsproblem. Die Daten sind eindeutig: Mehr Stunden bringen nicht mehr Produktivität (Stanford). Der Krankenstandanstieg ist größtenteils ein statistischer Effekt durch die elektronische AU (ZEW). 70 Prozent des Team-Engagements hängen an der Führungskraft (Gallup). Und KI könnte der Produktivitätshebel sein, den Deutschland braucht — wenn wir altersgemischte Teams bauen statt die Erfahrenen auszusortieren. Die Lösung liegt nicht in einer Stunde mehr, sondern in besserer Führung, klarerem Output-Denken und dem Mut, die richtige Diskussion zu führen.
Diese Nachlese bezieht sich auf Lanz & Precht, Ausgabe 231: „Werden wir immer fauler?“ vom 6. Februar 2026.
Quellen: Stanford University/Pencavel (2014), OECD Compendium of Productivity Indicators (2025), Harvard Business School/BCG (2023), Gallup State of the Global Workplace (2025), Gallup Engagement Index Deutschland, ZEW Mannheim, AOK Fehlzeiten-Report (2024), DAK Gesundheitsreport (2024), Harvard Business Review, Eurostat.