Ankommen
Erstes Mal Usedom. Koserow. Lange Fahrt, vier Ladestopps, ein Borderdackel auf der Rückbank. Ankommen dauert manchmal.
Wir sind mit dem E-Auto gekommen. Erste Mal die Strecke, knapp 700 Kilometer. Vier Mal laden. Klingt nach Stress, war aber das Gegenteil. Denn mit Hund sind die Pausen kein notwendiges Übel — sie sind der Punkt. Socke raus, Beine vertreten, schnüffeln lassen, kurz durchatmen. Weiterfahren. Das E-Auto zwingt dich zu einem Rhythmus, den man mit Verbrenner einfach durchbrettert. Ob das besser ist, sei dahingestellt. Anders ist es auf jeden Fall.
Sonntagabend angekommen, kurz die Bude inspiziert und dann direkt noch was essen gegangen. Klassisch für Usedom — Italiener. Knoblauchsuppe, wirklich gut. Fischsuppe, ein Traum. Aber vorher mussten wir noch kurz an den Strand. Mussten. Weil Socke das Meer noch nie gesehen hatte.
Es gibt wenige Dinge, die so ehrlich sind wie ein Hund, der zum ersten Mal am Strand steht. Die Augen, die Ohren, die Nase — alles auf Empfang. Und diese Freude. Jedes Mal, wenn ich das sehe, fasziniert es mich. Kein Filter, kein Nachdenken, einfach da sein und staunen. Können wir das eigentlich noch?
Am nächsten Morgen früh aufgestanden. Sonnenaufgang. Strand. Socke vorneweg, Helga neben mir. Still. Schön. Es gibt Momente, da muss man nichts sagen. Da reicht es, da zu sein. Ankommen eben.
Und dann — wie soll es anders sein — Fischbrötchen. Für Helga mit extra Zwiebeln, da steht sie drauf. Dazu ein regionales Pilschen, 0,3. Sonne. Meer. Ruhe.
Und dann passiert was, womit ich nicht gerechnet habe.
Am Nebentisch sitzen Ralf und Evelyn. Aus Berlin. Wir kommen ins Gespräch. Einfach so. Kein Anlass, kein Networking-Event, einfach zwei Paare, die in der Sonne sitzen und reden.
Ralf ist Mathematiker. 71 Jahre alt. Und müde ist der nicht. Er war viel unterwegs auf der Welt, hat viel gemacht, viel gesehen — und gründet gerade eine Firma. Mit 71. Voller Tatendrang, voller Ideen. Ich mag sowas. Menschen, die nicht aufhören, neugierig zu sein.
Wir reden über KI, über Daten, über die Welt. Ralf nutzt übrigens ChatGPT statt Google, wenn er was sucht. Nicht weil es hip ist, sondern weil es für ihn funktioniert. Ein 71-jähriger Mathematiker, der die Werkzeuge nutzt, die Sinn machen — ohne Berührungsängste, ohne Dogma. Ich finde das bemerkenswert.
Und ich frage mich: Kann ich das in seinem Alter auch noch? Bei der Geschwindigkeit, mit der sich gerade alles verändert? Ich hoffe es. Aber sicher bin ich mir nicht. Es bleibt spannend.
Wir haben Nummern getauscht. Untypisch für mich, denn ich lerne — das muss wohl am Alter liegen — immer schwerer neue Leute kennen. Nicht weil ich es nicht kann, sondern weil ich es oft nicht möchte. Ich bin lieber für mich oder unter uns. Aber die beiden waren so offen, so witzig, so unkompliziert, dass es einfach passiert ist. Und das zeigt: Wenn man sich drauf einlässt, kann da ein richtig gutes Gespräch entstehen. Manchmal sogar mehr.
Heute sind wir viel gelaufen. Wind, Meer, frische Luft. Und jetzt liegen wir beide flach. Fette Erkältung. Das kennt man ja: Der Körper wartet auf den Urlaub und sagt dann — geil, die machen Pause, da kann ich mir auch mal was gönnen. Danke dafür.
Aber weißt du was? Selbst mit Schniefnase und Tee statt Bier: Wir sind angekommen.
Ankommen ist, wenn der Kopf aufhört zu rattern und anfängt zu schauen.