Es ist ein Tauschgeschäft
Ich höre regelmäßig Lanz & Precht. Nicht weil ich immer einer Meinung bin, sondern weil mich die beiden zum Nachdenken bringen. Manchmal nicke ich, manchmal schüttle ich den Kopf. Und manchmal lässt mich eine Folge tagelang nicht los. Folge 219 war so eine.
„Burnout Deutschland oder fehlt uns nur mehr Mut?“ — die Frage allein hat mich getriggert. Precht sagt, jüngere Generationen haben es schwerer, weil sie in der Kindheit weniger Stress erleben und dann beim Auszug alles auf einmal kommt. Lanz sagt: „Wir sind weniger resilient.“ Und ich sitze da und denke: Ja. Aber warum eigentlich?
Weichsein galt nicht
Ich bin Jahrgang 1971. Bei uns zu Hause gab es Pflichten und Aufgaben, und die hat man erfüllt. Punkt. Weichsein war keine Option. Nicht weil meine Eltern herzlos waren — sondern weil das die Welt war, in der sie aufgewachsen sind. Du machst deinen Job, du beschwerst dich nicht, du funktionierst.
Kann man das kritisieren? Klar. War nicht alles Gold, was da glänzte. Aber es hat mir etwas mitgegeben, das ich heute als Fundament empfinde: Die Fähigkeit, durchzubeißen. Auch wenn es unbequem wird. Auch wenn es wehtut.
Watte hat einen Preis
Ich finde es grundsätzlich gut, dass Selbstfürsorge heute ein Thema ist. Dass man über psychische Belastung reden darf, ohne als Schwächling abgestempelt zu werden. Das ist Fortschritt, keine Frage.
Aber ich beobachte auch etwas anderes: Eine heranwachsende Generation, die ein echtes Problem mit Stress und Leistungsdruck hat. Und ich glaube, das ist kein Zufall. Wenn man in Watte gepackt aufwächst und das Leben gefiltert wird — durch Eltern, durch Institutionen, durch eine Gesellschaft, die jedes Risiko minimieren will — dann ist der Aufschlag im echten Leben brutal. Und der kommt. Früher oder später kommt der.
Das ist das zweischneidige Schwert: Wir wollten unsere Kinder schützen und haben ihnen dabei die Chance genommen, Widerstandskraft zu entwickeln. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.
Alle reden, keiner sagt was
Was mich mindestens genauso beschäftigt: Wir haben ein massives Kommunikationsproblem. Und zwar ein paradoxes.
Im Netz ist jeder Experte. Jeder hat eine Meinung, jeder teilt sie, jeder ist laut. Aber fragt man mal nach — egal ob digital oder am Küchentisch — merkt man schnell: Da wird viel nachgeplappert und wenig selbst gedacht. Populistische Inhalte werden geteilt wie Kuchenrezepte, ohne dass sich jemand die Mühe macht, die Zutaten zu prüfen.
Gleichzeitig wird im echten Leben immer weniger gesagt. Man muss aufpassen, was man sagt, wem man es sagt, wie man es sagt. Also sagt man lieber nichts. Das Ergebnis: Weniger echte Gespräche, weniger Reibung, weniger Meinungsbildung.
Und genau da liegt das Problem. Meinungen bilden sich nicht beim Scrollen. Sie bilden sich, wenn man sich mit Inhalten auseinandersetzt. Recherchiert. Nachfragt. Diskutiert. Sich auch mal unbequem positioniert. Der ganze alte Kram, den man mir noch beigebracht hat.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Wenn ich bei Graduierungsfeiern zuhöre, komme ich ins Grübeln. „Ihr seid so toll. Eure Ausbildung ist der Wahnsinn. Ihr könnt alles. Ihr seid die Zukunft. Ihr könnt alles fordern.“
Und ich denke mir: Moment mal. Was weckt das für ein Bild? Jeder will gleich das große Geld, die große Verantwortung, die große Bühne. Aber den Teil davor — lernen, durchbeißen, sich beweisen, Fehler machen und daraus wachsen — den überspringen wir gerne.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das klingt altmodisch, ich weiß. Aber der Satz hat einen Wert. Er sagt: Erst investieren, dann ernten. Erst zeigen was du kannst, dann fordern was du willst.
Das Tauschgeschäft
Am Ende läuft alles auf eine Frage hinaus, die kaum noch jemand stellt: Was bringe ich eigentlich ein?
Ich glaube, wir sind ein Volk von negativen Weicheiern geworden. Das klingt hart, ich weiß. Und ja, ich nehme mich da nicht aus. Aber es ist meine ehrliche Beobachtung. Wir leben in einem Wohlstand, den unsere Eltern erarbeitet haben. Wir halten ihn für selbstverständlich. Wir erwarten immer mehr. Und niemand fragt: Was muss ich dafür eigentlich tun?
Denn das ist es am Ende: Ein Tauschgeschäft. Das Leben, die Arbeit, Beziehungen, die Gesellschaft — alles basiert darauf, dass man etwas gibt, bevor man etwas bekommt. Oder zumindest bereit ist, etwas zu geben.
Vielleicht ist Deutschland nicht im Burnout. Vielleicht haben wir einfach vergessen, dass man für die Dinge, die man will, auch etwas leisten muss. Und dass Durchbeißen kein Zeichen von Schwäche ist — sondern von Stärke.
Diese Nachlese bezieht sich auf Lanz & Precht, Ausgabe 219: „Burnout Deutschland oder fehlt uns nur mehr Mut?“ vom 14. November 2025.