Ich habe keine Ahnung, was ich tue. Und es ist großartig.

Lesezeit: 11 Minuten

Wie ich in vierzig Tagen zwanzig Projekte gebaut habe — ohne Entwickler zu sein.


Ich bin Jahrgang 1971. Gelernter Heilerziehungspfleger, dann Werbefachmann, dann Geschäftsführer einer Sales-Promotion-Agentur, dann Samsung, dann Agenturen, dann Operations, dann BI. Mein Lebenslauf liest sich wie jemand, der alle paar Jahre neu anfängt — und das stimmt wahrscheinlich auch. Seit 2019 arbeite ich in der BI-Branche und weiß, wie ein Data Warehouse aussehen sollte, was ein gutes Dashboard ausmacht und warum die meisten Unternehmen an ihren Daten scheitern. Aber Code? Code haben immer die anderen geschrieben.

Bis zum 22. Januar 2026. Bis Claude Code.

Heute ist der 1. März. Vierzig Tage später. In meinem DEV-Ordner liegen über zwanzig Projekte. 535 Commits. Drei Anwendungen laufen produktiv und werden von echten Menschen benutzt. Ich habe eine Webanwendung in der Cloud deployed — mit Datenbank, API und Login. Ich habe mein Smart Home mit vierzig Automationen verdrahtet. Ich habe mir ein persönliches Betriebssystem gebaut.

Ich bin kein Entwickler geworden. Aber ich bin auch nicht mehr der, der ich vor vierzig Tagen war.

22. Januar: Der erste Commit

Es fängt harmlos an. Ich will ein internes Dashboard bauen. Nichts Wildes — Projektdaten zusammenziehen, Zeiterfassung anbinden, ein paar Kennzahlen zeigen. Ein Python-Skript, ein Docker-Container, eine lokale Datenbank.

Der erste Commit heißt „Initial commit: DevOps ETL setup with Docker and Python scripts.“

Ich verstehe vielleicht die Hälfte von dem, was da passiert. Aber es funktioniert. Daten fließen. Zahlen stimmen. Ich denke: Okay, interessant.

Kostenpunkt bis hierhin: 20 Dollar im Monat. Eine Subscription, die ich mir aus Neugier geholt habe. Wie eine App, die man mal ausprobiert.

30. Januar, 22 Uhr: Die Nacht, in der es mich gepackt hat

Acht Tage Pause. Dann setze ich mich abends hin. Nur mal kurz schauen, wie es weitergeht.

Um 21:53 Uhr der erste Commit. Timetracker-Anbindung. Um 22:24 Uhr automatische Datenaktualisierung. Um 23:02 Uhr ein richtiges Dashboard. Mitternacht vorbei. Noch eine Seite. Noch eine. Wirtschaftlichkeitsanalyse. Prognosen. Dark Mode.

Der letzte Commit ist um 03:15 Uhr. Ich habe in einer Nacht ein komplettes Dashboard gebaut. Sieben Seiten, Live-Daten, alles funktioniert.

Ich klappe den Laptop zu und denke: Was war das gerade?

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben will: Die 20-Dollar-Subscription ist längst nicht mehr genug. Ich stoße ständig an Limits. Und dann passiert etwas, das sich anfühlt wie ein Spielautomat. Du steckst Geld rein, du bekommst Ergebnisse, du willst mehr, du steckst mehr rein. Die Hürde ist so niedrig, die Ergebnisse sind so unmittelbar, dass du nicht aufhören kannst. Noch ein Projekt, noch eine Idee, noch eine Nacht.

Ich beschreibe das Gefühl manchmal so: Stell dir einen Dreijährigen im Bällebad vor. Lauter bunte Bälle, alles leuchtet, alles ist aufregend. Kinderaugen. Meine Augen leuchten genauso. Aber zwischen den bunten Bällen liegen auch ein paar Handgranaten. Und vielleicht zieht der Dreijährige auch mal einen Stift. Das ist das Faszinierende und das Gefährliche an dieser Technologie in einem Bild: Du bist so begeistert, dass du nicht immer merkst, wann es kippt.

5. Februar: Der Tag, an dem alles explodiert

Sechs Tage später starte ich drei neue Projekte. An einem einzigen Tag.

Um 01:44 Uhr nachts: ein Dashboard. Echte Daten, echte API, 19.000 Datensätze. Um 14:24 Uhr: Smart Home. Mein Home Assistant mit Claude Code verbunden, kaputte Automationen repariert, neue gebaut. Um 19:01 Uhr: eine technische Analyse — Datenbanken, Infrastruktur, Dokumentation.

Drei Projekte. Ein Tag. Ich merke, dass etwas passiert, das ich nicht eingeplant hatte.

Und hier passiert auch mein teuerster Fehler. Das Smart-Home-Projekt. Ich bin im Rausch, will alles auf einmal — vierzig Automationen, Analytics-Stack, Sensoren, Kameras. Ohne Plan, ohne Struktur, einfach drauflos. Die KI generiert, ich nicke ab, es geht weiter. Und weiter. Und weiter. Am Ende habe ich massenhaft Geld in Token verbrannt und ein Ergebnis, das ich zur Hälfte nochmal anfassen muss. Weil ich nicht eine Stunde investiert habe, um vorher nachzudenken, wie ich strukturiert vorgehe.

Das ist die Handgranate im Bällebad. Und ich habe den Stift gezogen.

6.–9. Februar: Die Woche, in der ich ein System baute

Am 6. Februar habe ich so viele Projekte und Dokumente, dass ich den Überblick verliere. Also baue ich ein Werkzeug, um meine Werkzeuge zu verwalten. Einen Knowledge Hub. Mit Suche, Export, Verschlüsselung.

Am 7. Februar — zwischendurch, zum Spaß — ein Snake-Game. Multi-Tenant, mit Admin-Panel und Datenbank. Vollkommen überdimensioniert. Aber ich will wissen, was geht.

Am 8. Februar, 22:57 Uhr, der Commit, der alles verändert. Ich beginne, eine richtige Plattform zu bauen. Vue-Frontend, Python-Backend, PostgreSQL, Cloud-Deployment. Nicht weil ich das kann. Sondern weil ich es will.

Am 9. Februar baue ich einen Scanner, der alle meine Projekte analysiert und eine interaktive Übersicht generiert. Ich habe zu diesem Zeitpunkt so viele Projekte, dass ich ein Projekt brauche, das mir zeigt, welche Projekte ich habe.

Der Irrsinn ist mir bewusst. Ich mache trotzdem weiter.

Irgendwann in dieser Woche treffe ich eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als Wendepunkt herausstellt: Ich steige auf die 90-Euro-Subscription um. Nicht weil ich mehr Geld ausgeben will. Sondern weil ich verstanden habe, dass der Spielautomat-Modus — ein bisschen hier, ein bisschen da, ständig ans Limit stoßen — mich mehr kostet als das Abo. Er kostet mich Fokus, Qualität und Schlaf.

Mit dem größeren Plan ändert sich etwas. Nicht die KI wird besser — ich werde besser. Ich höre auf, hektisch zehn Dinge gleichzeitig anzufangen. Ich fange an, Projekte zu Ende zu bringen. Ich arbeite in längeren, fokussierteren Sessions statt in nervösen Fünf-Minuten-Sprints. Die Ergebnisse werden messbar besser.

11.–12. Februar: Deployment und Cockpit

Am 11. Februar geht meine Plattform online. Dockerfile, Cloud-Server, echte URL. Hundert Commits wird dieses Projekt am Ende haben — mehr als alle anderen.

Am 12. Februar baue ich ein lokales Cockpit. Eine Desktop-Anwendung für meinen Mac, die alle Projekte zusammenhält. Ich starte morgens mit Streamlit. Mittags denke ich: Das reicht nicht. Nachmittags habe ich es komplett neu gebaut — als Vue-App mit eigenem Backend, Dark Theme, Privacy Mode.

Eine komplette Anwendung. Neugebaut. An einem Nachmittag.

Wenn mir das jemand am 22. Januar erzählt hätte, hätte ich gelacht.

14.–27. Februar: Projekte, Präsentationen, mein Blog

Ab hier wird es Alltag. Und das ist das Verrückte daran — es fühlt sich normal an.

Ich dokumentiere ein komplettes System. Ich baue Tools mit Wasserzeichen und Export. Ich analysiere Webshops. Ich baue ein Planungstool, das Kollegen täglich nutzen — mit Kalenderanbindung, Drag-and-Drop und echtem User Testing.

Am 27. Februar nehme ich mir endlich meinen Blog vor. Design, Dark Mode, Cookie-Banner, selbst gehostete Fonts. Und ja — auch dieser Blog, auf dem du das hier gerade liest, ist mit Claude Code entstanden.

Was sich in diesen Wochen auch verändert: Ich rede darüber. Viel. Wahrscheinlich zu viel. Ich erzähle Kollegen, Freunden, jedem der nicht schnell genug wegrennt, was da gerade passiert. Nicht jedem alles — aber ich versuche, mein Wissen zu teilen. Weil ich glaube, dass geteiltes Wissen doppeltes Wissen ist. Und weil ich sehe, dass da draußen Leute sitzen, die genauso ticken wie ich — die sich Dinge ausgemalt haben, die sie immer bei Programmierern abgeben mussten. Die jetzt plötzlich selbst bauen könnten, wenn sie nur wüssten, dass es geht. Denen will ich zeigen: Schau mal. Das geht jetzt. Und manchmal ist es verdammt geil.

Was ich in vierzig Tagen gelernt habe

Du musst nicht verstehen, wie alles funktioniert. Aber du musst verstehen, was du willst. Das war die erste und wichtigste Lektion. Solange ich nicht klar sagen konnte, was ich mir vorstelle, kam Murks raus. Die Qualität meiner Ergebnisse ist direkt proportional zur Klarheit meiner Gedanken.

Jeder Fehler ist ein Datenpunkt. Ich habe von Anfang an alles dokumentiert. Jedes Projekt hat ein Memory-File — was funktioniert hat, was nicht, was ich nie wieder so machen werde. Das klingt nach Overhead. Aber es ist der Grund, warum ich heute Probleme in Minuten löse, die mich in Woche eins Stunden gekostet haben.

Struktur schlägt Begeisterung. Das Smart-Home-Desaster hat mir das beigebracht. Die besten Ergebnisse entstehen nicht in den Nächten, in denen ich fünf Dinge parallel laufen lasse. Sie entstehen an den Tagen, an denen ich vorher eine Stunde nachdenke. Darüber habe ich gerade erst geschrieben — KI verdichtet Arbeit, wenn man sie lässt. Man muss lernen, sie nicht zu lassen.

Ich bin kein Entwickler. Und das ist okay. Ich schreibe keinen Code im klassischen Sinn. Ich formuliere, was ich will. Ich treffe Architekturentscheidungen. Ich reviewe Ergebnisse. Ich kann mittlerweile eine Fehlermeldung lesen und verstehen, was sie mir sagen will. Aber ich bin kein Softwareentwickler. Ich bin jemand, der mit einer KI zusammenarbeitet, um Dinge zu bauen, die es vorher nicht gab. Das ist etwas anderes. Etwas, für das es noch keinen richtigen Namen gibt.

Die Zahlen. Weil ich BI mache.

Ich bin Datenmensch. Also habe ich nachgeschaut, was in vierzig Tagen wirklich passiert ist:

235 Sessions. So oft habe ich mich mit der KI hingesetzt und gearbeitet. Das sind knapp sechs Sessions pro Tag. Jeden Tag. Vierzig Tage lang.

748 Subagent-Runs. Spezialisierte KI-Assistenten, die parallel Aufgaben übernommen haben — recherchieren, Code prüfen, Dateien durchsuchen. Einer denkt, drei arbeiten.

564 MB Gesprächsprotokolle. Über ein halbes Gigabyte Text. Fragen, Antworten, Fehlermeldungen, Korrekturen, Ideen, Sackgassen, Durchbrüche. Die vollständige Dokumentation einer Lernkurve.

535 Commits über 20 Projekte. Davon allein 101 auf mein größtes Projekt, 80 auf ein Dashboard, 54 auf mein Smart Home.

Spitzentage: 75 Commits am 15. Februar. 68 am 5. Februar. An manchen Tagen habe ich mehr Code produziert als manche Teams in einer Woche. An anderen Tagen eine einzige Zeile — aber die richtige.

Nachtsessions: 19 Commits zwischen 22 Uhr und 3:45 Uhr in der Nacht, die alles gestartet hat. Das war kein Fleiß. Das war Flow — und ein bisschen Wahnsinn.

Kosten: Von 20 Dollar im Monat auf 90 Euro. Der Sprung hat sich gelohnt. Nicht weil die KI besser wurde, sondern weil ich aufgehört habe, im Fünf-Minuten-Takt gegen Limits zu laufen und angefangen habe, richtig zu arbeiten.

Tag 40

Heute ist der 1. März 2026. Ich sitze hier, schaue auf diesen DEV-Ordner und frage mich manchmal, ob das alles wirklich in vierzig Tagen passiert ist.

535 Commits. 20 Projekte. Drei produktive Systeme. Ein Smart Home. Eine Cloud-Plattform. Ein persönliches Cockpit. Ein Blog. Und dieser Artikel, den ich gerade zusammen mit genau dem Werkzeug schreibe, über das ich schreibe.

Es gibt Leute, die würden sagen: Das ist doch gar kein richtiges Programmieren. Und sie hätten Recht. Es ist etwas Neues. Und es wird in den nächsten Jahren sehr viel relevanter werden als die Frage, ob jemand eine for-Schleife von Hand schreiben kann.

Ich habe keine Ahnung, wo das in einem Jahr steht. Ob das, was ich heute mache, dann noch funktioniert oder längst überholt ist.

Aber ich weiß eins: Ich bin froh, dass ich am 22. Januar diesen ersten Commit gemacht habe.

Manchmal sitze ich abends da und der Wahnsinn von dem, was gerade passiert, holt mich ein. Vor zehn Jahren habe ich mit einem Freund „Her“ geschaut — den Film, in dem Joaquin Phoenix sich in ein Betriebssystem verliebt. Wir saßen danach zusammen und haben uns gefragt: Ob wir das noch erleben? Diese Welt, in der Maschinen so denken können?

Das ist real. Jetzt. Heute.

Und was mich am meisten umhaut: Alles, was ich in den letzten dreißig Jahren gemacht habe — der Heilerziehungspfleger, der Werbefachmann, der Geschäftsführer, der Vertriebler, der Quereinsteiger, der BI-Mensch — all das, was wie ein wirrer Zickzack-Lebenslauf aussieht, dient mir jetzt. Die Neugier, die mich immer angetrieben hat. Die Fähigkeit, mich in völlig neue Welten reinzuwerfen. Das Denken in Strukturen und Zusammenhängen. Die Sturheit, nicht aufzuhören, wenn es schwierig wird.

Es ist wahnsinnig. Es ist faszinierend. Es ist beängstigend, wie schnell das geht. Und ich bin dankbar, dass ich es erleben darf. Mit 54. Mit diesem Kopf. Mit dieser Geschichte.

Nicht weil ich ein Entwickler geworden bin. Sondern weil ich mit 54 wieder das fühle, was mich am Anfang meiner Karriere angetrieben hat: Neugier. Das Gefühl, dass morgen etwas möglich ist, was gestern noch nicht ging.

Und ehrlich? Das ist ein verdammt gutes Gefühl.


Auch dieser Text ist so entstanden. Die Geschichten, die Bilder, die Lektionen — die sind meine. Aber geschrieben habe ich ihn mit Claude Code. Die KI kennt meine Projekte, meine Commits, meine Fehler. Sie hat mich zusammengesetzt. Und dass das Ergebnis so nach mir klingt, ist faszinierend und erschreckend zugleich.

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